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Die Schönen Tage von Aranjuez
Die Schönen Tage von Aranjuez
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Kritik: Die Schönen Tage von Aranjuez (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 5 / 5

Die Johannisbeeren aus den ehemals königlichen Schlossgärten von Aranjuez haben sich selbst ausgewildert, ihr leuchtendes Rot überrascht die Wanderer in der umgebenden Landschaft. Das sagt der Mann zur Frau in diesem Kammerspiel, das an einem anderen Ort im Grünen stattfindet, auf einem Hügel bei Paris. Die schönen Tage von Aranjuez mögen zwar vorbei sein, wie Schiller in "Don Carlos" schreibt, aber jeder Mensch trägt die erlebten Momente königlichen Gefühls im Gedächtnis. Im Gespräch erinnern sich ein Mann und eine Frau daran, wann sie die Liebe, die Ekstase oder das Glück in sich spürten. Mit diesem zutiefst romantischen Film lotet der Regisseur Wim Wenders nicht nur das gleichnamige Stück seines Freundes Peter Handke sinnlich aus, sondern auch die schriftstellerische Forschungsarbeit selbst. In 3D gedreht, bietet dieser zarte, schwebeleichte Film ein außergewöhnliches Kinoerlebnis, das Herz und Geist gleichermaßen erfrischt.

Der Mann fragt die Frau nach ihrem ersten Mal, und sie erzählt über das Hochgefühl beim Schaukeln als zehnjähriges Mädchen. Mit der Verständigung hapert es etwas im Dialog, die Kluft zwischen den Geschlechtern bleibt bestehen. Und doch sagt die Frau, dass die Fragen des Mannes sie zur Aufdeckung verborgener Wahrheit anregen. Sie redet leidenschaftlich, nach den richtigen Worten suchend, über die körperliche Liebe, die Sehnsucht nach Vereinigung. Er spricht über Sommeräpfel, im Sand badende Spatzen. Das hochsommerliche Lebensgefühl ist voller Wahrheit, aber ins Geistige übersetzt, erweist sich diese als Utopie. Das Absolute kann die Widersprüche der Existenz nicht auflösen. Und der Lärm der modernen Welt hindert die Menschen daran, ihre Fühler auszustrecken.

Das gesamte Setting des Films legt den Gedanken nahe, dass der Dichter, der auf diese Personen schaut, der Tiefe der menschlichen Erfahrungen, dem labyrinthischen Streben nach Vollkommenheit am ehesten nachspüren und Ausdruck verleihen kann. So ähnlich wie auch der Musiker Nick Cave, der in einer Szene persönlich erscheint, um sein Jukebox-Lied auf dem Klavier zu spielen. Um das Wesentliche aufzustöbern, verzichten auch der Mann und die Frau auf Handlungen, allenfalls gehen sie ein paar Schritte um den Tisch unter der Pergola. Der Wind rauscht in den Blättern, die Vögel zwitschern, und die Worte beginnen ihre luftige Reise. Am Anfang nahm Wenders die Großstadt Paris ins Visier. Wie wenig Raum lassen die Menschen architektonisch den eigenen Wurzeln, wie sehr vernachlässigen sie ihren inneren Garten!

Fazit: Wim Wenders entdeckt in dem gleichnamigen Stück von Peter Handke eine Sinnlichkeit, die in diesem sommerlichen 3D-Film zur beglückenden Erfahrung wird. In einem lieblichen Garten fernab vom Lärm der Welt vertiefen sich ein Mann und eine Frau in einen inspirierenden Dialog über die Utopie der Liebe und die Intensität der Empfindungen. Dabei huldigt Wenders auch der schriftstellerischen Ausdruckskraft, die selbst ein Dialog zwischen Sprache und Erfahrung, Begreifen und Träumen ist.





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