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Censored Voices
Censored Voices
© Real Fiction

Kritik: Censored Voices (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Dokumentarfilm der jungen israelischen Regisseurin Mor Loushy lässt den Sechstagekrieg Revue passieren und kratzt dabei ordentlich am Bild des heldenhaften Siegeszugs, das ihr im Schulunterricht vermittelt wurde. Denn sie spielt Tonbandaufnahmen ab, die lange unter Verschluss gehalten wurden: Darauf sprechen Soldaten über ihre Erlebnisse und Gedanken in diesem Krieg. Loushy fragte sich beim Abhören, was aus der israelischen Gesellschaft wohl geworden wäre, hätten diese Berichte damals eine öffentliche Diskussion in Gang setzen können. Aus heutiger Sicht erkennt der Betrachter des Films nämlich recht deutlich, welche prägende Kraft geschichtliche Ereignisse haben, die sich einer einzigen Lesart unterordnen und ihre Schatten folglich im Verborgenen werfen müssen.

Die Erzählungen lassen sich in drei verschiedene Etappen einteilen, denen der Film chronologisch folgt. Da ist zunächst die Anfangseuphorie, in die sich auch Angst vor dem Unbekannten mischt. Ein Mann erzählt davon, wie stolz ihn das Tragen einer Waffe machte, weil es dem geschichtlich genährten Klischeebild des Juden als wehrlosem Zivilisten widersprach. Dann aber berichten die Soldaten von wahllosen Tötungen, von Kriegsgräueln. Schließlich thematisieren sie die Besetzung der Jerusalemer Altstadt mit der Klagemauer und die Vertreibung der arabischen Landbevölkerung. Mehrere Soldaten, die Dörfer räumen mussten, sagen, dafür seien sie nicht in den Krieg gezogen. Manche Stimmen, auch die eines TV-Journalisten, sahen die neuen Flüchtlingslager als Brutstätte von Hass und prognostizierten eine Spirale der Gewalt. Sehr nachdenklich stimmen am Schluss die heutigen Statements einiger alt gewordenen Soldaten des Sechstagekriegs: Die einen distanzieren sich ausdrücklich vom harten militärischen Kurs der Politik, die anderen aber sehen keine Möglichkeit mehr für einen dauerhaften Frieden in der Region.

Die Tonbandberichte werden mit reichem filmischem Archivmaterial unterlegt, Fotografien und Nachrichtensendungen aus dem Krieg. Wiederholt fängt die Kamera die stille Trauer und Betroffenheit in den Gesichtern einiger Ex-Soldaten ein, wenn sie ihren eigenen Berichten lauschen. Der Inhalt der Tonbänder stimmt jedoch auch hoffnungsvoll, denn er hinterfragt die fatale, immer noch offiziell gepflegte Verbindung von israelischem Patriotismus mit der damals initiierten Vertreibungs- und Siedlungspolitik.

Fazit: Der Dokumentarfilm der israelischen Regisseurin Mor Loushy spielt Tonbandaufnahmen von Heimkehrern aus dem Sechstagekrieg 1967 vor, die dem offiziell gepflegten Bild vom soldatischen Heldentum widersprechen. Die zum Teil lange zensierten Aussagen belegen, wie gespalten die Soldaten in ihren Gefühlen waren und wie schlimm einige von ihnen die Vertreibung arabischer Bewohner aus den besetzten Gebieten fanden. So holt der nachdenklich stimmende, wichtige Film eine Auseinandersetzung mit der Geschichte nach, die auch heute noch von großer Aktualität ist.





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