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90 Minuten   Bei Abpfiff Frieden
90 Minuten Bei Abpfiff Frieden
© Camino

Kritik: 90 Minuten – Bei Abpfiff Frieden (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Nahostkonflikt zwischen Israel und Palästina wird in dieser satirischen Komödie des israelischen Regisseurs Eyal Halfon mit humorvollem Biss persifliert. "Die Leute haben diesen Konflikt satt", fasst Halfon die Stimmung in seinem Land zusammen. Natürlich ist die Spielfilmidee, den Konflikt nach zahllosen kriegerischen Handlungen und gescheiterten Friedensplänen in Form eines Fußballspiels auszutragen, nicht ernst gemeint. Aber weil die Idee so absurd ist, eignet sie sich auch gut dafür, die Absurdität des feindlichen Lagerdenkens vorzuführen, das den Menschen in Israel und Palästina das Leben so schwer macht. Fast immer dreht während dieser Geschichte eine unsichtbare TV-Kamera, ein Dokumentarfilmer stellt den Protagonisten auf Schritt und Tritt Fragen. So bekommt die fiktive Geschichte das Antlitz eines Mockumentarys, wodurch sie authentischer und possenhafter wirkt.

Die oft als Schikane gegen die palästinensische Bevölkerung anmutenden Kontrollen, die israelische Soldaten an Checkpoints durchführen, macht hier dem palästinensischen Fußballteam zu schaffen. Schränken die Israelis jedoch die Freizügigkeit der Palästinenser ein oder heben sie gar auf, so wissen sich diese mit geheimen Tunnels zu helfen. Auch die politische Propaganda, die beide Lager auf historisches Erbe und patriotische Verpflichtung einschwört, bekommt ihr Fett weg. Denn die beiden Nationalteams werden zur Schulung ihres Kampfgeists in die Holocaust-Gedenkstätte, respektive in ein Flüchtlingscamp und Orte der Intifada gebracht. "Wir machen sie fertig!", ist die Parole, die sich die örtlichen Funktionäre von ihren Spielern erhoffen. Da wird sich selbst Trainer Müller, der immer im Sportdress aufkreuzt und betont, es handele sich nur um ein Fußballspiel, der Tatsache bewusst, dass er als Deutscher hier irgendwie fehlbesetzt ist. Detlev Buck spielt ihn herrlich verpeilt. Während die Spannung steigt, fragt man sich, welchen Ausgang des näher rückenden Spiels der Film wohl vorgesehen hat.

Häufig richten sich die beiden Direktoren der Fußballteams an eine unsichtbare TV-Kamera, die sie selbst im Auto und bis in ihre Hotelzimmer begleitet. So wird der fiktive Dokumentarfilmer im Hintergrund zu einer Art Beichtvater für sie und bleibt zugleich doch lästig, denn er erinnert sie daran, dass ihnen die Öffentlichkeit die Verantwortung dafür geben wird, was ihren jeweiligen Ländern blüht. So wächst das Geschehen den Akteuren, die es mit naivem Optimismus angingen, doch unweigerlich über den Kopf. Und der Zuschauer muss sich wieder der Frage zuwenden, wie denn eine vernünftige Lösung des Nahostkonflikts aussehen könnte.

Fazit: Der israelische Regisseur Eyal Halfon lässt in seiner als Mockumentary aufgezogenen Politsatire ein Fußballspiel über den israelisch-palästinensischen Dauerkonflikt entscheiden. Sein Spielfilm übersetzt den Ernst der Realität in bissig-ironische Heiterkeit, die festgefahrenes Denken kritisiert und tatsächliche Absurditäten anhand von fiktiv-lachhaften offenlegt.





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