VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Stille Reserven (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Inmitten einer dystopischen Gesellschaft, in der die Freiheit der Menschen erheblich eingeschränkt ist, lernt ein Paar die Gefahren der Romantik kennen. Der düstere Zukunftsentwurf, den Regisseur und Drehbuchautor Valentin Hitz in "Stille Reserven" für die Stadt Wien entwickelt, kreist um eine makabre, aber auch wirkungsvoll beängstigende Idee. Die Endlichkeit des Lebens wird aufgehoben, nicht einmal im Sterben gehört sich der Mensch mehr selbst. Wer sich keine teure Todesversicherung geleistet hat, hat kein Recht, zu sterben. Die Kandidaten auf dem Weg ins Jenseits werden von Amts wegen abgeholt und in Boxen gepackt, künstlich beatmet, in Regalen gestapelt, um körperlich weiter ausgeschlachtet zu werden. Der Versicherungsagent Vincent Baumann soll eine Aktivistengruppe im Untergrund ausspähen und begegnet dabei der Liebe, einem Gefühl, das in seinen Kreisen medikamentös bekämpft wird.

Zunächst kommt es einem verwirrend vor, wie detailliert dieses Zukunftsszenario ausgearbeitet ist. Denn das meiste wird nicht groß erklärt und es bleibt den Zuschauern überlassen, sich darauf einen Reim zu machen. Ein mächtiger Player ist der Versicherungskonzern EAR, der seinen Mitarbeitern Identitäten verpasst, sie upgraden und wieder zurückstufen kann wie die mit ihnen verbundenen Privilegien. Die Mitarbeiter unterziehen sich permanent der Selbstoptimierung – ein kraftvoller Seitenhieb auf gegenwärtige Tendenzen. Und auch in der Welt draußen herrscht Freudlosigkeit angesichts der wirtschaftlichen Knechtung.

Der visuellen Gestaltung mit ihren Braun- und Grautönen, der Schmuck- und Farblosigkeit der Schauplätze gelingt es mühelos, ein Frösteln zu erzeugen. Wenn dann der Anzugträger Vincent mit der seriös erstarrten Miene in einem Nachtclub sitzt und Lisa auf der Bühne steht und über verruchte Gefühle singt, geht ihm ein Licht auf. Clemens Schick muss gar nicht viel tun, um das überzeugend zu spielen. Lena Lauzemis beeindruckt nicht zuletzt mit den Bühnenauftritten, bei denen sie die Leidenschaft ganz im Stil des Films monoton zu kanalisieren versucht, sie aber dennoch zeigt. Der romantisch-rebellische Weltschmerz dieses Paares passt als Gegenpol hervorragend in ein Universum, das sich die Individuen finanziell nutzbar macht und ihre Schritte unbarmherzig überwacht.

Fazit: In einer dystopischen Gesellschaft am Schauplatz Wien bemisst sich der Wert des Menschen rein wirtschaftlich, so dass ihm auch das Sterben versagt werden darf. In dieser düster-makabren Vision des Regisseurs und Drehbuchautors Valentin Hitz überzeugen Clemens Schick und Lena Lauzemis als ungleiches Paar, das die alte romantische Verwandtschaft von Leidenschaft und Tod neu entdeckt. Die beklemmende Atmosphäre bewahrt das kunst- und anspruchsvoll ausgearbeitete Szenario davor, allzu verkopft zu wirken.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.