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Comrade, where are you today? - Der Traum der Revolution
Comrade, where are you today? - Der Traum der Revolution
© W-Film

Kritik: Comrade, where are you today? - Der Traum der Revolution (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Als die Mauer fiel, feierte die ganze Welt das Ende der DDR-Diktatur, ebenso wie den Zusammenbruch der anderen totalitären Regime Osteuropas. Auf einmal schien die kommunistische Idee hoffnungslos überholt und von der Realität widerlegt: Die politische Linke geriet in Europa und darüber hinaus in eine Krise, von der sie sich bis heute nicht erholt hat. Die finnische Regisseurin Kirsi Marie Liimatainen fragt sich, wie es ihren ausländischen MitstudentInnen ergangen ist, die sie 1988 an einer DDR-Jugendhochschule kennenlernte. Ihre Besuchsreise in verschiedene außereuropäische Länder gerät zur nachdenklich stimmenden Bilanz über eine Welt, die sich stark verändert hat und in der sich das Fehlen politischer Ideale bemerkbar macht.

Wie sich die Welt verändert hat, zeigt schon der Dreh vor dem ehemaligen Hochschulgebäude der FDJ. Der stattliche Bau steht leer, so als sollte der Deckmantel des Schweigens über die Scham gelegt werden, dass hier einst Marxismus-Leninismus gelehrt wurde. Die Bolivianerin Nidia haderte hier 1988 mit der Religionsfeindlichkeit des Kommunismus. Die indigene Frau arbeitet heute als Heilerin und engagiert sich für den Kampf der Ureinwohner um ihr Land. Sie beschreibt sich aber auch heute noch, wie ihr ehemaliger Mitstudent Marcelino aus Chile, der gegen die Pinochet-Diktatur kämpfte, als linksorientiert. Der Libanese Nabil, der in Deutschland lebt, besucht mit Liimatainen Freunde im seiner alten, vom Bürgerkrieg gezeichneten Heimat. Da wird über den religiösen Fundamentalismus geklagt, der an die Stelle kommunistischer Ideale getreten sei.

In Südafrika forscht die Regisseurin mit detektivischer Akribie nach dem ehemaligen ANC-Untergrundkämpfer Duma. In allen Ländern ihrer Besuchstour widmet sie sich mit ihren Gesprächspartnern der Zeitgeschichte und bebildert sie mit spannendem Archivmaterial. Wie sich diese Geschichte mit den heutigen Problemen der jeweiligen Gesellschaft verzahnt, wird aufschlussreich geschildert. Angesichts der scheinbaren Indifferenz jüngerer Zeitgenossen fragen sich manche frühere Politaktivisten, ob sich ihr Kampf gelohnt hat. Es ist auch von Fehlern die Rede, von Irrtümern, vor allem, was Konzepte wie die "Diktatur des Proletariats" angeht. Letztlich aber belegt die interessante Zusammenschau, dass die kommunistische Idee Menschen in vielen Ländern für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen ließ. Ihr gegenwärtiger schlechter Ruf ist auch einer Kurzsichtigkeit geschuldet, die diese Tatsache außer Acht lässt.

Fazit: Im Jahr 1988 lernten junge GaststudentInnen aus aller Welt in der DDR noch die kommunistische Theorie, ohne zu ahnen, wie bald ihr politisches Verfallsdatum erreicht sein würde. Die finnische Dokumentarfilmerin Kirsi Marie Liimatainen erörtert mit ehemaligen KommilitonInnen in verschiedenen Kontinenten den persönlichen und den globalen Wertewandel. Dabei plädiert der zeitgeschichtlich aufschlussreiche Film auch für eine Rückbesinnung auf politische Ideale wie Gleichheit und Selbstbestimmung.





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