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The Wounded Angel
The Wounded Angel
© dejavu filmverleih

Kritik: The Wounded Angel (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der kasachische Regisseur und Drehbuchautor Emir Baigazin siedelt seinen Spielfilm Mitte der 1990er Jahre an, als er selbst ungefähr im Alter seiner Protagonisten war. Er erzählt also auch aus eigener Anschauung von einem Umbruch im doppelten Sinn: Die vier Dorfjungen sind in der Pubertät und sehen die Sicherheit der Kindheit schwinden. Doch die Welt der Erwachsenen empfängt sie nicht mit offenen Armen, sondern mit Desillusionierung. Im Dorf herrschen Arbeitslosigkeit, Armut und Kriminalität. Abend für Abend wird in den Häusern der Strom abgedreht, weil der Staat sparen muss. Die Geschichten steuern kein Happy End an, sondern erinnern daran, wie leicht es ist, auf der Suche nach Selbstverwirklichung fatale Fehler zu begehen. Manchmal mutet das Geschehen geradezu albtraumhaft an, aber der sozialkritische Blick des Regisseurs wirkt doch auch sehr realitätsbezogen.

Die vier Jungen sprechen nicht viel und da auch ihre Umgebung auf wenige, ebenfalls wortkarge Personen reduziert bleibt, müssen sich die Zuschauer vieles selbst erschließen. Warum hortet Zhaba unermüdlich Geld in Einmachgläsern, anstatt mit Gleichaltrigen zu spielen? Wie kann der "Ave Maria"-Sänger Balapan so radikal zum Raufbold mutieren? Die Wucht und Plötzlichkeit, mit der die Protagonisten vom Weg abkommen, überrascht und die Gründe lassen sich nachträglich oft nur vage rekonstruieren. Die Erwachsenen, die mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, wissen nichts von den Dramen in den Köpfen ihrer Kinder. Wie die Armut, die Arbeitslosigkeit, die soziale Ächtung und Kälte auf sie wirken und welche Empörung sich in einem jungen Gemüt aufstauen kann. Die vier Hauptfiguren hadern mehr oder weniger stark mit dem männlichen Rollenbild. Und sie haben Ähnlichkeit mit dem verletzten Engel des Titels, der zugleich ein gefallener Engel ist.

Die Inszenierung und das Schauspiel beschränken sich auf einfache Mittel. Das armselige Dorf wirkt meistens verwaist, die Häuser sind furchtbar karg eingerichtet, der Mangel an Zerstreuung spiegelt sich auch in den langen Einstellungen. Die Schnitte wirken nicht fließend, sondern eröffnen meistens eine ganz andere Szene, als habe das eintönige Geschehen vorgespult werden müssen. Manchmal ist der Film tatsächlich zu langatmig, aber meistens gelingt es ihm gerade mit dieser stillen, lakonischen Art, die Aufmerksamkeit zu fesseln und Mitgefühl zu erzeugen.

Fazit: Der kasachische Regisseur Emir Baigazin erinnert in diesem düsteren Episodenfilm daran, wie labil die Schritte von Kindern in der Pubertät sind und wie leicht die positive Selbstentfaltung misslingen kann. In den vier dramatischen Geschichten spiegelt sich auch die tiefe Orientierungslosigkeit, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im ländlichen Kasachstan herrschte. Die minimalistische Inszenierung weist einige Längen auf, erreicht aber auch Momente großer Wucht und bindet die Zuschauer emotional und kognitiv geschickt mit ein, indem sie lieber zu wenig, als zu viel erklärt.





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