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Kritik: Cahier Africain (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Eigentlich wollte die Filmemacherin Heidi Specogna davon erzählen, wie Frauen und Mädchen in der Zentralafrikanischen Republik nach ihren schlimmen Kriegserlebnissen von 2002 im Leben wieder Fuß fassen. Während der siebenjährigen Dreharbeiten zu ihrem Dokumentarfilm aber versinkt das Land erneut in einem Strudel der Gewalt. Die Opfer von 2002 müssen aus ihren Häusern fliehen. So wird diese Langzeitbeobachtung der Schweizer Regisseurin, die in Berlin lebt, zu einem Dokument der schrecklichen Lebensbedingungen in einem Land, das nicht zur Ruhe kommt.

Amzine ist eine selbstbewusste Frau. Sie hat sich scheiden lassen vom Vater ihrer kleinen Söhne, weil er sie nicht gut behandelt hat. Die Leute im Quartier PK 12 am Rande von Bangui reden deshalb schlecht über sie, aber sie will keinen Mann mehr. Amzine sagt, dass ihr der Anblick ihrer gewaltsam gezeugten Tochter Fane immer einen Stich versetzt, aber sie ist dem Kind eine gute Mutter. Das christliche Mädchen Arlette wurde von einer Kugel am Knie verletzt und 2012 in Berlin operiert. Nun könnte sie wieder schmerzfrei nach vorne schauen, aber im Jahr darauf bringt sie die Vertreibung aus PK 12 an den Rand der Verzweiflung. Specogna fängt in thematisch breitgefächerten Aufnahmen ein, wie das Land im Chaos versinkt. Auf der Straße liegen die Leichen Ermordeter, ein Mob junger Christen verhöhnt Muslime, es bilden sich Flüchtlingskonvois auf der Hauptstraße. Auf einmal ist das einst so belebte Quartier PK 12 verwaist und die Filmemacherin muss im Nachbarland Tschad nach Amzine suchen.

Die vielen kleinen Beobachtungen, die wie zufällig entstehen, formen sich zu einem authentischen Puzzle des Leids der Zivilbevölkerung. Es ist die Folge eines Geflechts aus politischem Versagen, internationaler Zurückhaltung und Radikalisierung ethnischer Gruppen. Eine der vielen zu Herzen gehenden Szenen zeigt einen kleinen Jungen, der in einem Flüchtlingslager am Telefon nach seinem Vater fahndet, während ihm die Tränen über das Gesicht laufen. In Voice-over fügt Specogna dieser Chronik einer afrikanischen Tragödie gelegentlich Erläuterungen bei. Dennoch spiegelt sich in der Montage die Unübersichtlichkeit und das Zerfahrene, das zum Alltag der Protagonisten gehört. Amzine aber gibt nicht auf und beschert dem Film trotz allem ein Quäntchen Hoffnung.

Fazit: Heidi Specognas filmische Langzeitbeobachtung in der Zentralafrikanischen Republik zeigt eindringlich auf, wie die Zivilbevölkerung aufgrund permanenter kriegerischer Auseinandersetzungen nicht zur Ruhe kommt. Während die Frauen, die 2002 von Söldnern vergewaltigt wurden, noch auf den Urteilsspruch des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag warten, müssen viele von ihnen vor anrückenden Rebellen ins Ungewisse fliehen. Der Film fängt das Lebensgefühl der Menschen unmittelbar ein und ermöglicht bewegende Einblicke in eine von der Weltöffentlichkeit weitgehend ignorierte Realität.





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