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Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich
Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich
© farbfilm verleih

Kritik: Das Versprechen - Erste Liebe lebenslänglich (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Ein grausamer Doppelmord, der bis heute ungelöste Fragen aufwirft, ein Gerichtsprozess voller Verfahrensfehler und die Geschichte einer fatalen Jugendliebe: Dieser Dokumentarfilm kann es mit dem fiktionalen Thriller-Genre locker aufnehmen. Der Filmemacher Marcus Vetter und die Journalistin Karin Steinberger gehen in ihrer dritten Zusammenarbeit nach "Hunger" und "The Forecaster" dem tragischen und skandalösen Fall des seit 30 Jahren inhaftierten Jens Söring nach. Im Zentrum ihres minutiös recherchierten Films stehen Ausschnitte aus einem vierstündigen Gespräch, das sie 2014 mit Söring in seinem Gefängnis in Virginia drehen konnten. Nach vielen erfolglosen Bewährungsgesuchen hofft Söring nun, dass dieser Film ihm helfen wird, endlich wieder freizukommen. Denn Vetter und Steinberger holen einen neuen Entlastungszeugen vor die Kamera und lassen fachkundige Beobachter zu Wort kommen, mit denen sie die Ermittlungen und den Gerichtsprozess regelrecht auseinandernehmen.

Ein 18-jähriger Student verliebt sich in eine zweieinhalb Jahre ältere Kommilitonin, die Drogen nimmt, ihre Eltern hasst und ihm glühende Briefe schreibt. Elizabeth, die von ihrer Mutter missbraucht worden sein soll, lässt sich auch vor Gericht nicht in die Karten schauen – eine geheimnisvolle Femme fatale. Söring wirkt im Prozess von 1990 hingegen wie ein Junge, der sich mit naiver Kühnheit ins große Abenteuer gestürzt hatte. Vetter und Steinberger erwecken die jugendliche Leidenschaft mit Spielfilmelementen zum Leben, einer anonymen Autofahrt zum Tatort, unterlegt mit dem Song "I Put a Spell on You". Und mit Auszügen aus Briefen, die von Imogen Poots und Daniel Brühl aus dem Off vorgelesen werden.

Noch aufwühlender ist allerdings das Versagen der Justiz, die wichtige Zeugen nicht vernimmt und sich auf den Fremden als Täter einschießt. Zum Unterstützerkreis, der sich für Sörings Freilassung einsetzt, gehört auch eine ehemalige Staatsanwältin Virginias, die wesentliche Punkte der gerichtlichen Beweisführung in der Luft zerreißt. So wirft der Film auch einen sehr kritischen Blick auf das amerikanische Justizsystem mit seinen leicht beeinflussbaren Geschworenen und drakonischen Strafen. Seine schnittintensive, ausgefeilte Dramaturgie schürt die detektivische Neugier der Zuschauer, indem sie sie etappenweise an die vielen Merkwürdigkeiten und Rätsel dieses Falls heranführt. Bleibt zu hoffen, dass der Grundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" endlich auch bei Jens Söring angewandt wird.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Marcus Vetter und Karin Steinberger vertieft sich mit detektivischem und dramaturgischem Spürsinn in den Fall des seit 1990 in den USA inhaftierten Jens Söring. Der Deutsche bestreitet den Mord an den Eltern seiner Jugendfreundin Elizabeth Haysom im Jahr 1985. Die vielen offenen Fragen und Justizpannen, die der aufwühlende Film auflistet, legen nahe, dass Söring ohne ausreichende Beweise verurteilt wurde und Opfer eines schwerfällig-gnadenlosen Justizapparats ist.






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