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Egon Schiele: Tod und Mädchen
Egon Schiele: Tod und Mädchen
© Alamode Film © Die FILMAgentinnen

Kritik: Egon Schiele: Tod und Mädchen (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Dieses Biopic über den sehr früh verstorbenen Wiener Maler Egon Schiele taucht überzeugend in die Atmosphäre seiner bewegten Zeit ein. Als Avantgardekünstler der Belle Epoque pflegt Schiele einen ganz anderen Stil als die Maler des Establishments. Seine erotisch anmutenden Bilder nackter oder halbnackter Frauen werden von vielen als Pornografie verunglimpft. Aber der künstlerische Durchbruch dieses leidenschaftlichen Malers und Liebhabers schöner Frauen lässt sich nicht aufhalten: Das Zeitalter der Moderne ist angebrochen. Wie eines der berühmtesten Gemälde von Schiele, "Tod und Mädchen", es schon im Titel verrät, sind Not und Verderben einerseits, Lebenslust und die Feier des Schönen andererseits die beiden Pole in dieser künstlerischen Existenz. Hilde Berger, Autorin des Romans "Tod und Mädchen: Egon Schiele und die Frauen", hat zusammen mit dem Regisseur Dieter Berner das Drehbuch zu diesem kenntnisreichen, kunstaffinen Spielfilm verfasst.

Der Newcomer Noah Saavedra erweist sich als die ideale Besetzung für diesen lebenshungrigen jungen Maler. Er verleiht ihm eine elektrisierende Energie, von der der ganze Film profitiert. Dieser Egon Schiele schleppt ein Kindheitstrauma mit sich, das nur am Rande, etwa in einer Halluzination des Malers, in einer Bemerkung erwähnt wird: Der Vater verfiel dem Wahnsinn und verfeuerte buchstäblich das Vermögen der Familie. Ob diese Erfahrung seine Bindungsscheu, sein ambivalentes Verhältnis zu Frauen erklärt? Der Film vertieft sich nicht in solche Spekulationen, sondern zeigt lediglich, mit Gefühl und Authentizität, wie Schiele ständig die Nähe zu schönen jungen Frauen sucht. Und wie er die wichtigsten Frauen in seinem Leben, die Schwester Gerti, seine Lebensgefährtin Wally, seine Ehefrau Edith, mit seinem oft rücksichtslosen, egozentrischen Verhalten vor den Kopf stößt.

Die vielen Zeitsprünge im Film erweisen sich als etwas anstrengend. Es kann eine Weile dauern, bis sich nach einem Schnitt herauskristallisiert, ob es sich um eine Rückblende handelt oder um die Rückkehr zur Rahmenhandlung mit dem Sterbenskranken. Sehr überzeugend ist hingegen die beiläufige Einbindung von Schieles Werken ins Geschehen: Mal zeichnet der Künstler die Frau, die er gerade liebkost, mal nimmt die Kamera ein fertiges Bild ins Visier. Schiele hat den fiebrigen Spannungen seiner Epoche einen liebevollen Blick auf die Menschen entgegengesetzt.

Fazit: Das Biopic des Wiener Malers Egon Schiele taucht atmosphärisch überzeugend in die Epoche vor und während des Ersten Weltkriegs ein. Es blättert das kurze Leben des Avantgarde-Künstlers reizvoll und spannungsgeladen anhand seiner Beziehungen zur Schwester, zur Dauerfreundin und zur Ehefrau auf, die ihm auch als Modell für erotisch gefärbte Akte oder Halbakte dienten. Das kraftvolle Spiel des Newcomers Noah Saavedra in der Titelrolle vertieft sich beschwingt in die Widersprüche dieses leidgeprüften, aber ungemein kreativen Charakters.





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