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Kritik: Little Men (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Kaum einer versteht sich besser im Inszenieren gefühlvoller, empfindsamer Dramen, als Regisseur Ira Sachs. Um Sorgen und Nöte seiner Protagonisten, vor allem auch einen möglichen sozialen Abstieg betreffend: in vielen seiner Werke geht es genau darum. Diese Ängste der Figuren legt er schonungslos offen. Unsentimental und klischeefrei. Das tat er zuletzt in "Liebe geht seltsame Wege" (2014). Und das gelingt ihm auch mit "Little Men". In beiden Filmen geht es auch um die Thematik der unaufhaltsam steigenden Lebenshaltungs- und Mietkosten in Metropolen wie dem Big Apple. Seine Weltpremiere feierte "Little Men" auf dem letztjährigen Sundance-Filmfestival.

Die Begegnungen zwischen den Konfliktparteien im Film, sind gekennzeichnet von Hemmungen, Vorurteilen und Ressentiments. Das wird schon bei der ersten Begegnung zwischen Leonor und ihrem neuen Vermieter, Brian, offensichtlich. Dabei ist Brian noch derjenige, der sich behutsam der alleinerziehenden Mutter anzunähern versucht. Er ist freundlich, zurückhaltend und sucht das Gespräch mit Leonor. Diese jedoch blockt von Beginn an eiskalt ab. Mit der Verschärfung des zunehmend außer Kontrolle geratenden Konflikts, verschärft sich der Ton, die Stimmung wird rauer. Erneut beweist Sachs hier sein Talent als akribisch genauer Beobachter zwischenmenschlicher Konflikte, der das Verhalten seiner Figuren exakt genau beobachtet und seziert.

Ohne klar Position zu beziehen, versucht er die Motivationen und Sichtweisen beider Seiten des Mieter-Vermieter-Streits, zu verdeutlichen. Beide Handlungsmotivationen erscheinen dabei verständlich: auf der einen Seite steht Brian (Greg Kinnear mit seiner stärksten Leistung seit Jahren) mit seiner Familie. Dieser leidet selbst unter Geldmangel und er will nicht länger akzeptieren, dass Leonor nur ein Fünftel dessen zahlt, was ortsüblich ist. Er ist bei Weitem kein schlechter Mensch. Doch die Umstände der unerbittlich steigenden Lebens-haltungskosten, zwingen ihn letztlich dazu, die Miete anzupassen.

Und dann ist da Leonor, die unter Brians Vater nie eine Mieterhöhung mitmachen musste. Eine Anpassung der Miete würde den Fortbestand ihres Ladens gefährden – und damit auch die Existenzgrundlage für sie und ihren Sohn. Sonderlich sympathisch erscheint Leonor nicht. Jedoch: hinter ihrem Vorgehen steht lediglich die große (und reale) Angst, womöglich bald auf der Straße zu landen. Paulina Garcia agiert in der Rolle dieser Frau, die den sozialen Abstieg vor Augen hat, nachhaltig glaubhaft und äußerst authentisch.

Das Highlight des Films aber sind die Jungdarsteller Michael Barbierin und Theo Taplitz. Spielend leicht haben sie die Sympathien der Zuschauer vom ersten Moment an auf ihrer Seite – dank ihres natürlichen Charmes und ihrer offenkundigen Spielfreude. Gemeinsam mit Jake und Tony erleben wir das Auf und Ab der frühen Pubertätsjahre, inklusive des langsam erwachenden Interesses an Mädchen und der Auflehnung gegenüber den Eltern. Eltern, die sich wegen etwas streiten, wofür den Jungs – zum Glück – noch das notwendige Verständnis fehlt und das seit jeher viele Beziehungen in tiefe Krisen stürzt: Geld.

Fazit: Angst vor dem sozialen Abstieg und radikal steigende Lebenshaltungskosten in den Großstädten: Behutsam arbeitet das Coming-of-Age-Drama "Little Men" anhand eines Mieter-Vermieter-Streits, die Ängste aller Betroffenen fein säuberlich heraus. Die präzise Beobachtungsgabe von Regisseur Sachs und die herausragenden Jungdarsteller, machen "Little Men" zu einem intensiven, mitreißenden Arthouse-Drama.





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