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We are the Flesh
We are the Flesh
© Drop-Out Cinema eG

Kritik: We are the Flesh (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Was muss passieren, damit ein Mensch aufhört, seine animalischen Triebe in Schach zu halten? Mariano, der sein Gesicht zur diabolischen Fratze verziehen kann, sieht die Ursache für seinen Wahnsinn in der Einsamkeit. Er lebt wohl schon lange wie ein Eremit, der aber Tauschgeschäfte betreibt und ständig mit merkwürdigen Arbeiten beschäftigt ist. Wie die Welt aussehen mag, die ihn ausgestoßen hat, bleibt weitgehend unklar. Die Kamera nistet sich nämlich ebenfalls in dem aufgelassenen Gebäude ein, in dem der Alte haust. Ab und zu werden ein paar Individuen in dieses Revier geraten. Mariano sehnt sich zurück in die Geborgenheit des mütterlichen Leibes, die ihn zum Bau einer mit Pappe ausgekleideten Höhle voller Höcker und Buchten inspiriert. In einem solchen Ambiente dürfen alle Hemmungen abgelegt werden.

Sex, Lust, Gewalt bestimmen die spielerischen Handlungen der Protagonisten, die auch nicht vor Mord und Kannibalismus zurückschrecken. Das Regiedebüt des Mexikaners Emiliano Rocha Minter, das auf dem Fantasy Filmfest 2016 lief, gleicht einem rauschhaften Trip durch die Gefilde des Unterbewusstseins. Es stöbert darin drastische, abstoßende Bilder auf, die mit sittlichen, ethischen und religiösen Tabus brechen. Marianos rätselhafte Monologe drehen sich darum, dass auch das Geistige von fleischlichen Trieben und Instinkten bestimmt wird. In dieser Höhle findet eine Wiedergeburt statt, und den Szenen, in denen es um die Absonderung von Blut und anderen Körpersubstanzen geht, gelingt es oft genug, mit ihren Ideen und Arrangements zu verblüffen. Stets geht es auch um die großen Themen des Lebens, wie Alter, Tod, Heilung und ewige Jugend, wobei das Geschehen zunehmend halluzinatorisch wirkt.

Auch stilistisch lässt der Regisseur seiner Fantasie freien Lauf. Oft werden die Aufnahmen farblich verfremdet. Die Körper erglühen in Gelb und Rot wie auf Wärmebildern. Die Kamera umkreist sie auf schwindelerregenden Bahnen, die in alle Dimensionen führen. Die Höhle wird in anheimelndes Licht getaucht und gebiert doch nur neue höllische Ideen. Nicht nur die Insassen verirren sich in diesen geistigen Gefilden, auch der Zuschauer büßt seine Orientierung ein. Doch dann weist ihm ein Komparse den Weg zurück in die Realität – eine hübsche schelmische Geste, bevor im Saal wieder das Licht angeht.

Fazit: Der Debütfilm des mexikanischen Regisseurs Emiliano Rocha Minter ist ein rauschhafter Horrortrip, der Gewalt und Sexualität ohne Angst vor geschmacklichen und moralischen Tabus inszeniert. Zwei Geschwister nehmen teil an den diabolischen Spielen eines alten Mannes, in denen es um Tod, Wiedergeburt und die Macht der Triebe geht. Die wilde filmische Expedition erinnert daran, dass in jedem menschlichen Geist lichtscheue, unbewusste Gefilde existieren, entwickelt aber auch eine große Lust am Delirium, welche die Konfusion des Zuschauers in Kauf nimmt.





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