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Alipato - The very brief Life of an Ember
Alipato - The very brief Life of an Ember
© Rapid Eye Movies

Kritik: Alipato - The very brief Life of an Ember (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Dieser Spielfilm des philippinischen Avantgarde-Regisseurs und Punkpoeten Khavn ist eine düstere, von Gewalt getränkte Vision der Zukunft Manilas. Im Zentrum steht eine Kindergang, die sich all die Verrohung, die ihnen ihr Umfeld von Geburt an vorgeführt hat, wie ein vergnügliches Spiel aneignet. Ihr Lebenshunger gleicht den glühenden Kohlefunken, die durch die Luft fliegen, wenn die Slumbewohner Holzplanken in Meilern verfeuern. Aber im Lied des Abspanns heißt es: "Der Funke fliegt von den Kohlen der Hölle, den Himmel will er küssen, aber das wird nie geschehen." Khavn beschreibt Mondomanila als den "schwärzesten Albtraum der Filipinos". In drastischem Exploitationsstil malt er ihn als eine drohende Realität aus, die sich aus längst existierenden Bestandteilen zu einer Ballade der Zerstörung verdichtet.

Auch im abgebrühtesten Filmbetrachter existiert die Vorstellung einer heilen Welt. Und genau diese wird hier praktisch nach allen Regeln der Kunst demontiert, aufgespießt, in der Luft zerrissen. Ein Kleinkind, das eine Zigarette raucht, eine Leiche, die auf dem Spielplatz liegt, Jungen und Mädchen mit bunten Perücken und Federboas, die wie Eroberer durch den Slum ziehen, gefolgt von ihrem Anführer mit der Machete in der Hand. Die Gangmitglieder werden einzeln vorgestellt mit ihren Besonderheiten und den Grausamkeiten, die ihnen widerfahren sind oder die sie selbst begangen haben. Der Schauplatz gleicht oft einer Müllhalde und verweist auf die heutige Realität in Manilas Slum Ulingan, wo Kinder bei der Kohleherstellung helfen und giftige Luft einatmen.

Inmitten dieses Chaos gibt es Partys mit bunten Lichtern, aber was gefeiert wird, ist doch schon wieder das Kaputte. Oft wird der Ton abgedreht, man sieht die Figuren nur agieren oder sprechen. In langen Sequenzen folgt ihnen die Kamera durch die Gassen des Slums und auf der Tonspur wechseln sich unter anderem Unterhaltungsmusik im Retrostil, Orgelklänge, Geräusche wie von einem Hantieren mit Stäben und metallischem Werkzeug ab. Immer wieder werden Bilder von Grabsteinen auf dem Friedhof dazwischengeschnitten, dazu erklingt ein Glöckchen – doch wer hier in Frieden ruht, hat im Leben keine Harmonie erfahren. Ein ganzes Kapitel, das dem Gefängnisaufenthalt von Boss gewidmet ist, besteht hauptsächlich aus einer Zeitraffer-Animation entstehender Wandzeichnungen – Gesichter, Abzählstriche, Blut, die Farbe Schwarz. Khavn verleiht den Bildern von Not und Zerstörung eine ganz eigene Poesie, experimentiert mit der Enttabuisierung. Das wirkt kraftvoll, schockierend, aber auch erzählerisch redundant.

Fazit: Der philippinische Avantgarde-Filmemacher Khavn spinnt den Alltag in den Slums von Manila gedanklich weiter zu einer schockierenden Zukunftsvision von Gewalt und Zerstörung. Die drastische filmische Ballade kreist um eine kriminelle Gang von Kindern, die mit der verhältnismäßig heilen Welt in den Köpfen der Zuschauer Russisch Roulette spielen.





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