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Seit die Welt Welt ist
Seit die Welt Welt ist
© Fugu Filmverleih

Kritik: Seit die Welt Welt ist (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der österreichische Dokumentarfilmer Günter Schwaiger begibt sich mit seinem Porträt eines spanischen Bauern auf die Suche nach dem Lebensgefühl in einer von Landflucht von Wirtschaftskrise geprägten südeuropäischen Region. Wird die bäuerliche Kultur der Familienbetriebe aussterben, weil sich die schwere Arbeit kaum mehr rentiert und die Dörfer verwaisen? Der 55-jährige Gonzalo ist fest verankert in der Tradition seiner Heimat, sein Leben ist bestimmt von den Arbeiten im Jahreskreislauf. Indem die Kamera ihm dabei über die Schulter schaut, bedient sie einerseits die großstädtischen Sehnsüchte nach der Sinnlichkeit des Landlebens. Andererseits aber wird auch deutlich, dass diese scheinbare Idylle Genügsamkeit voraussetzt und mit ihren vielen Entbehrungen anachronistisch anmutet.

Gonzalo weiß, dass ein gutes Erntejahr von schlechten gefolgt wird. Ein Bauer muss Rücklagen bilden für Krisenzeiten mit Missernten, für teure Geräte und Maschinen. Er spricht ernüchtert von einer "Mafia", wenn es um die Handelsbedingungen der Lebensmittelindustrie geht: Verkaufsverträge für die angebauten Produkte gebe es nur, wenn der Bauer im Gegenzug auch immer wieder bestimmte Pflanzensamen kaufe. Zu schaffen machen ihm auch die Wildschweine, die sich im Maisfeld tummeln oder die Unbekannten, die im Schutz der hohen Pflanzen Marihuana anbauen. Und dann gibt es immer wieder diese Kleinigkeiten, die große Folgen nach sich ziehen: Der Sohn hat ein Feld nicht sorgfältig genug bewässert, eine Frostnacht hat den draußen gelagerten Zuckerrüben fatal zugesetzt. Aber wenn der neue Wein verkostet wird, ist Gonzalo stolz auf seine Qualität. Und dann wird der luftgetrocknete Schinken von der Schlachtung des vorigen Jahres angeschnitten: Die Familie findet ihn schmackhaft, und man ist bei diesen Bildern sofort geneigt zu glauben, dass sich im Laden nichts Besseres finden ließe.

Diese Beobachtungen des Alltags werden flankiert von Aufnahmen aus dem Dorf, von Festen, einem Rockkonzert. Die Bewohner heben ein Massengrab aus – die Franco-Diktatur wird gerade erst aufgearbeitet. Stimmungsvolle Bilder fangen die Landschaft im Wechsel der Jahreszeiten ein. Morgens kräht der Hahn, im Frühsommer wachsen Mohnblumen am Wegesrand, im Herbst zieht eine festliche Prozession durch den Ort, an der die Alten ebenso wie viele junge Leute, die ein wenig tanzen, teilnehmen. So entsteht über diese einzelne Familie hinaus ein sinnliches und besinnliches Porträt einer ländlichen Region zwischen Tradition und ungewisser Zukunft.

Fazit: Der österreichische Dokumentarfilmer Günter Schwaiger begleitet einen spanischen Landwirt im Laufe eines Jahres durch seinen arbeitsreichen Alltag. Diesem sinnlichen, ruhig beobachtenden Porträt gelingt es, das Lebensgefühl in einem vom Aussterben bedrohten Dorf im Süden Europas unmittelbar zu erspüren in seiner komplizierten Mischung aus Genügsamkeit und Erfüllung, Verankerung in der Tradition und Zukunftssorgen.





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