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Kritik: Aloys (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der schweizerische Regisseur und Drehbuchautor Tobias Nölle vertieft sich mit diesem stillen, aber gehaltvollen Drama in die Sehnsüchte und Nöte eines einsamen Mannes. Aloys Adorn tut alles, um nicht aufzufallen. Seine Arbeit als Privatdetektiv und sein Leben im Schatten des Vaters haben seine ganze Identität bestimmt. Doch nach dem Tod des Vaters drängt sich die Außenwelt bedrohlich und verlockend in seine Wahrnehmung. Die Telefonbekanntschaft mit einer geheimnisvollen Frau führt ihn an neue Erfahrungen wie Tanz, Geselligkeit, Zärtlichkeit heran und dabei auch in die unbekannten Weiten seines eigenen Geistes. Wird sich Aloys darin verlieren?

"Der Fakt, dass das Universum in unserem Kopf so viel größer ist als die physische Wirklichkeit in der wir leben, fasziniert mich immens", erklärt Nölle seinen Ansatz. Mit den Anrufen der unbekannten Frau wird das streng reglementierte Dasein von Aloys gestört: Diese Person lässt sich nicht abschütteln wie die Nachbarn, auf deren Klingeln an der Haustür er nicht reagiert. Und so beginnt der Boden unter seinen Füßen zu wanken, er sieht sich urplötzlich im Wald stehen, die Telefonschnur um seinen Körper gewickelt. Die Frau bekommt ein Gesicht und lädt Leute zu einer Party in seiner Wohnung ein. Was ist noch Realität, was Fantasie? Das muss der Zuschauer immer wieder mühsam und anhand von Irrtümern gemeinsam mit Aloys ertasten. Oft lässt sich nicht einmal sagen, ob Aloys' Reise in den Wahnsinn, oder in die Befreiung geht.

Die wortkargen Szenen, die aus der Zeit gefallene Einrichtung, die anonyme Wohnsiedlung und die Überkorrektheit von Aloys signalisieren eine profunde, ja rettungslose Einsamkeit. An ihr scheint auch die junge Frau zu leiden, die zunehmend wie eine Geistesverwandte von Aloys wirkt. Aber mit ihrem ironischen Humor oszilliert die Geschichte geschickt zwischen dieser Tristesse und Optimismus. Die Frau provoziert Aloys mit spöttischen Bemerkungen. Auch sein eigener Ernst hat eine witzige Note, etwa wenn er sich nervös seine "10 Schritte zur Unsichtbarkeit" in Erinnerung ruft oder bürokratisch in der "Wir"-Form spricht.

Georg Friedrich spielt diesen geplagten Menschen bewegend. Hinter seiner lakonischen Darstellung sind immer wieder die Unsicherheit und Wut dieses Charakters zu spüren. Zuweilen tauchen indirekt Fragen an das Publikum auf, den Voyeurismus und die Pseudo-Kontakte im Social-Media-Zeitalter betreffend. Vor allem aber führt die Expedition an Aloys' Seite die Zuschauer auch ein Stück weit in das Labyrinth ihres eigenen Geistes, indem sie auf fesselnde Weise demonstriert, wie trügerisch persönliche Gewissheiten sein können.

Fazit: Der Schweizer Tobias Nölle inszeniert das Drama eines einsamen Mannes als fesselndes Vexierspiel zwischen Realität und Fantasie, Verkrustung und Aufbruch, Scheitern und Erfüllung. Georg Friedrich spielt den unscheinbaren Antihelden bewegend und mit sicherem Gespür für Komik in seiner fordernden Auseinandersetzung mit sich selbst.





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