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Ein Haus in Ninh Hoa
Ein Haus in Ninh Hoa
© Grandfilm

Kritik: Ein Haus in Ninh Hoa (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Vietnamkrieg und die Migration haben der aus mehreren Generationen bestehenden vietnamesischen Großfamilie Le ihren Stempel aufgedrückt. Ihr Haus in Ninh Hoa an der Südküste Vietnams ist wie ein Hort des Friedens in einer von Umbrüchen gezeichneten Welt. Der Dokumentarfilm von Philip Widmann und seinem Co-Autor Nguyen Phuong-Dan beobachtet scheinbar beiläufig das alltägliche Geschehen dort. Aber viele der Gesprächsszenen sind im Vorfeld mit den Protagonisten geplant worden, um die exemplarischen Themen in dieser Familie aufzuzeigen. So entsteht eine interessante Mischung aus experimenteller Inszenierung und dokumentarischer Authentizität.

Die Vergangenheit ist ein zentrales Thema der Familie. Das liegt nicht nur am fortgeschrittenen Alter der Großmutter und ihrer drei Kinder. Sondern auch an den beiden verstorbenen Söhnen und daran, dass im Haus so viele Fotografien und Briefe von früher als Andenken aufbewahrt werden. Ein Enkel der alten Frau, der in Deutschland lebt, will den im Krieg verschollenen Onkel zurückholen und in einem Familiengrab bestatten lassen. In dieser Familie ist es traditionell wichtig, zusammenzuhalten und den Geist der Verstorbenen fortleben zu lassen. Ein zweites zentrales Thema ist die ungewisse Zukunft. Die betagten Bewohner des Hauses leben wie auf einer Durchgangsstation in eine neue Zeit. Es ist ungewiss, ob die nächste Generation das Haus bewohnen wird, oder doch lieber, wie schon jetzt, entweder in Saigon oder in Deutschland leben will. Immer wieder folgt die Kamera einer der Tanten in das unbewohnte Haus an der Nationalstraße, in dem die Betten unter Plastikfolien auf seine Erbauer aus Deutschland warten oder vielleicht auf fremde Mieter.

Die Zeit verrinnt träge in der brütenden Hitze, die die Menschen im Stammhaus in die schattigen Zimmer treibt oder in den grünen Hinterhof. Eine genügsame Ruhe liegt über der Szenerie, wenn die Nachbarn im Hof ein paar Worte wechseln, die beiden Schwestern kochen, aufräumen, der alten Mutter Geschichten erzählen. Um diese friedliche Oase toben das Leben, der Verkehr, die Bauarbeiten an der Nationalstraße. Ganz am Schluss dieser beinahe meditativen filmischen Betrachtung listet der Mann des Hauses die verwandtschaftlichen Beziehungen seiner Bewohner und ihrer Angehörigen auf. Man wünschte, das wäre früher geschehen, um die Orientierung zu erleichtern. Aber das hätte wohl nicht in das Konzept der Filmemacher gepasst, die in der gestalterischen Form Nähe und Abstand, Verstehen und Fremdheit spiegeln wollen.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Philip Widmann und Nguyen Phuong-Dan über eine Großfamilie in Vietnam nutzt ruhige Alltagsszenen als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit ihren zeitgeschichtlichen Prägungen durch Krieg und Migration. So entsteht einerseits eine große Nähe zu den Protagonisten, andererseits aber bewahrt die Kamera den Abstand, der auch im Auge des fremden Betrachters liegt und sein bruchstückhaftes Verstehen spiegelt.






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