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Was hat uns bloß so ruiniert
Was hat uns bloß so ruiniert
© Movienet

Kritik: Was hat uns bloß so ruiniert (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

"Was hat uns bloß so ruiniert?" stammt von Marie Kreutzer aus Graz, die zu den talentiertesten Filmemacherinnen Österreichs zählt. Nach ihrem Dramaturgie-Studium an der Filmakademie Wien, gelang ihr gleich mit ihrem Erstling ein Riesenerfolg. Die Tragikomödie "Die Vaterlosen" (2011) gewann u.a. den Großen Preis beim renommierten österreichischen Filmfestival Diagonal. Schon in diesem Werk befasste sie sich mit dem Thema Familie, dem sie sich in "Was hat uns bloß so ruiniert" ebenso widmet. Lediglich von einem anderen Blickwinkel aus. Hierbei handelt es sich um ihren dritten Langfilm. "Was hat uns bloß so ruiniert?" war in diesem Jahr in zwei Kategorien für den Österreichischen Filmpreis nominiert: für die beste Kamera und den besten Schnitt. Der Film wurde im Sommer 2015 u.a. in Wien gedreht.

Regisseurin Marie Kreutzer gelingt mit ihrer ironischen, auch mit nachdenklich-melancholischen Zwischentönen versehenen Satire, das gelungene Porträt der Generation der "Bourgeois Bohemien". Gemeint sind damit finanziell unabhängige Akademiker in ihren Dreißigern, die ihre Unabhängigkeit lieben, die Szeneviertel der Großstädte bewohnen – und sich irgendwann zwischen Freiheit und Familie entscheiden müssen. Die drei Paare im Film entscheiden sich für Letzteres. Alle drei zur selben Zeit. Schließlich kenne man sich schon so lange und werde die Zeit als junge Eltern gemeinsam und mit gegenseitiger Unterstützung, schon gewuppt kriegen.

Dass es bereits vor den Geburten durch die verschiedenen Ansichten, wie man ein Kind am besten zu erziehen habe, zu Auseinandersetzungen unter den Freunden kommt, nimmt eigentlich nur eins vorweg: die noch weiter zunehmenden Streitig- und Zwistigkeiten, nachdem die Kinder das Licht der Welt erblickten. Die pädagogischen Ansichten sind verschieden, die elterlichen Ambitionen ebenso. Da verzichtet eine Mutter – um größtmögliche Natürlichkeit zu gewährleisten – auf Windeln, während die andere gar nicht unbedingt so scharf darauf ist, immer Zeit mit dem Nachwuchs zu verbringen. Aber "Was hat uns bloß so ruiniert?" ist weit mehr als nur ein Film über unterschiedliche Erziehungsmethoden und -modelle.

Im Zentrum steht vor allem auch die Frage, was das Elternsein mit zuvor unabhängigen, nur sich selbst verantwortlichen Menschen macht. Was sind ihre Ängste und Sorgen? Und worunter leiden sie nach der Geburt am meisten? Denn der Film, und das ist Kreutzer hoch anzurechnen, macht klar, dass man als junge Eltern natürlich nicht immer nur glücklich und ausgeglichen sein kann. Und auch die Mär vom stets perfekten, jungen Familienglück hat immer auch eine andere Seite: den Verlust des alten Lebens. An einer Stelle des Films lässt Kreutzer dies eine der jungen Mütter unverblümt aussprechen: "Ich wünsche mir mein altes Leben zurück." Eine Offenheit, die viel Mut erfordert. Denn die Gesellschaft verlangt schließlich von den Müttern, das Muttersein als größtes und wichtigstes Geschenk überhaupt, anzusehen - ohne Kehrseite oder negativen Aspekt.

"Was hat uns bloß so ruiniert?" verklärt das Elternsein nicht, sondern zeigt die Realität. Und zwar durch aufmerksame, kluge Alltagsbeobachtung. Kreutzer setzt dies sehr frech und bissig sowie mit Hilfe ironischer, pointierter Szenen und Momente, um. Diese machen immer auch klar: so schlimm ist es doch eigentlich gar nicht, wenn das Kind mal wieder auf den Fußboden gekackt hat oder man nun eben nicht mehr jedes Wochenende ausgehen kann. Denn dafür bekommt das eigene Leben durch den Nachwuchs plötzlich und im Gegenzug, einen tieferen Sinn. Und auch das oberflächliche, scheinbar so "perfekte" Leben mit dem Ziel, ewig jung zu bleiben, endet. Ein Leben, das es in der Realität nun einmal nicht gibt.

Fazit: Schonungslos offene, herrlich ironische Satire über drei Paare in ihren Dreißigern, die sich entschließen, zur selben Zeit Eltern zu werden. Der Film ist mutig und vereint, während er den realistischen Alltag seiner Protagonisten zwischen Windelwechseln und schlaflosen Nächten zeigt, humorvolle Szenen mit nachdenklichen Momenten.





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