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Pawlenski - Der Mensch und die Macht
Pawlenski - Der Mensch und die Macht
© Die FILMAgentinnen © Lichtfilm GmbH

Kritik: Pawlenski - Der Mensch und die Macht (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Pjotr Pawlenski hat die politische Protestaktion als künstlerische Ausdrucksform gewählt. Wenn er gegen die Putin-Regierung und die staatliche Macht demonstriert, tut er das nicht einfach mit einem Plakat in der Hand. Sondern er näht sich den Mund zu, nagelt seinen Hodensack ans Pflaster des Roten Platzes. Er fordert die Staatsorgane an symbolträchtigen Orten heraus und betrachtet die emsigen, aber oft ziemlich ratlosen Reaktionen von Polizei und Justiz als Teil der Gesamtperformance. So führt er mit satirischem Witz vor, wie die staatlichen Repräsentanten der Meinungsfreiheit zu Leibe rücken.

Die Dokumentarfilmerin Irene Langemann porträtiert Pawlenski und verfolgt seine Gerichtsprozesse bis zur Haftentlassung im Sommer 2016. Ihr Film gerät mit Videomaterial von Pawlenskis Aktionen auch zu einer Art Werkschau des Politkünstlers, gerade noch rechtzeitig, bevor er Ende 2016 Russland verlässt, um mit seiner Familie in Frankreich politisches Asyl zu beantragen. Diese Entwicklung kommt im Film selbst nicht mehr vor. Russland hat offenbar einen Weg gefunden, den missliebigen Künstler loszuwerden. Es gab Anzeigen wegen Körperverletzung und eines Sexualdelikts.

Der Künstler Pawlenski scheint sogar noch in der U-Haft Anfang 2016 Spaß an dem Ärger zu haben, den er mit seinen Aktionen dem Staat bereitet. Er verlangt hintersinnig, nicht wegen Vandalismus, sondern als Terrorist angeklagt zu werden. Klaglos nimmt er die Strapazen der Haft samt Misshandlung in Kauf. Ein Staatsanwalt kündigte aus Protest gegen den Beschluss, Pawlenski in die Psychiatrie einzuliefern, ein Psychiater bescheinigt ihm vor der Kamera geistige Gesundheit. Es wird deutlich, dass Pawlenski Denkanstöße geliefert und Leute dazu gebracht hat, Stellung zu beziehen. In Scherenschnitt-Optik lässt Langemann Szenen aus den Verhören nachspielen, holt Pawlenskis Anwälte vor die Kamera. So mutet auch dieser Film wie ein weiterer Teil des Gesamtkunstwerks an, mit dem Pawlenski Politik abbilden und verändern will.

Im Privatleben allerdings wirkt Pawlenskis Radikalität zuweilen prekär. Seine Lebensgefährtin musste zu einem drastischen Mittel greifen, um ihn nach einer Trennung zurückzugewinnen, und das Paar lässt die beiden Töchter nicht zur Schule gehen. Solche kritischen Punkte runden das spannende Porträt dieses sehr eigenwilligen Menschen und Künstlers ab, der sich mit Haut und Haar als Versuchsperson des Protests begreift.

Fazit: Irene Langemann porträtiert den russischen Performance-Künstler Pjotr Pawlenski in diesem spannenden Dokumentarfilm als radikalen Aktivisten, der die fehlende Meinungsfreiheit in seiner Heimat mit drastischen Mitteln anprangert. Wiederholt setzte Pawlenski seinen Körper bei aufsehenerregenden Aktionen als Kunstfläche und Mahnmal ein, bevor er Ende 2015 für sechs Monate inhaftiert wurde. Der Film bringt auch kritische Aspekte seiner Persönlichkeit zur Sprache, würdigt aber vor allem den Mut und die Originalität des Künstlers, der sich inzwischen ins Ausland abgesetzt hat.





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