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Pawlenski - Der Mensch und die Macht
Pawlenski - Der Mensch und die Macht
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Pawlenski - Der Mensch und die Macht (2016)

Pavlensky - Man and Might

Dokumentarfilm über den russischen Protestkünstler Pjotr Pawlenski, den der Staat monatelang in Untersuchungshaft steckte.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.3 / 5

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Der russische Protestkünstler Pjotr Pawlenski ist weit über die Grenzen seines Landes mit aufsehenerregenden öffentlichen Aktionen bekannt geworden. 1984 in St. Petersburg geboren, studierte er Kunst, entschied sich dann aber gegen die bildende Kunst und für Performance im öffentlichen Raum. Ausschlaggebend für seinen Beschluss, als Künstler gegen den russischen Staat zu opponieren, war 2012 die Verhaftung der Punkband "Pussy Riot". Er stellte sich mit zugenähtem Mund auf die Straße, ein andermal legte er sich in eine Rolle Stacheldraht, oder setzte sich nackt auf den Roten Platz in Moskau und nagelte seinen Hodensack ans Pflaster.

2014 solidarisierte er sich bei einem nächtlichen Happening mit den Maidan-Demonstranten in der Ukraine. Im gleichen Jahr setzte er sich nackt auf die Mauer eines berüchtigten Instituts der Strafpsychiatrie und schnitt sich ein Ohrläppchen ab. Im November 2015 zündete er das Tor am Gebäude des russischen Geheimdienstes an und wartete davor, mit dem Benzinkanister in der Hand, seelenruhig auf die Ankunft der Polizei. Danach kam Pawlenski in Untersuchungshaft, man legte ihm Vandalismus zur Last. Ende Januar 2016 wurde er zur Untersuchung in die Gerichtspsychiatrie eingewiesen, dort aber nicht für geisteskrank erklärt. Erst im Juni 2016 kam Pawlenski aus dem Gefängnis frei, nachdem er zu einer Geldstrafe verurteilt wurde.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Pjotr Pawlenski hat die politische Protestaktion als künstlerische Ausdrucksform gewählt. Wenn er gegen die Putin-Regierung und die staatliche Macht demonstriert, tut er das nicht einfach mit einem Plakat in der Hand. Sondern er näht sich den Mund zu, nagelt seinen Hodensack ans Pflaster des Roten Platzes. Er fordert die Staatsorgane an symbolträchtigen Orten heraus und betrachtet die emsigen, aber oft ziemlich ratlosen Reaktionen von Polizei und Justiz als Teil der Gesamtperformance. So führt er mit satirischem Witz vor, wie die staatlichen Repräsentanten der Meinungsfreiheit zu Leibe rücken.

Die Dokumentarfilmerin Irene Langemann porträtiert Pawlenski und verfolgt seine Gerichtsprozesse bis zur Haftentlassung im Sommer 2016. Ihr Film gerät mit Videomaterial von Pawlenskis Aktionen auch zu einer Art Werkschau des Politkünstlers, gerade noch rechtzeitig, bevor er Ende 2016 Russland verlässt, um mit seiner Familie in Frankreich politisches Asyl zu beantragen. Diese Entwicklung kommt im Film selbst nicht mehr vor. Russland hat offenbar einen Weg gefunden, den missliebigen Künstler loszuwerden. Es gab Anzeigen wegen Körperverletzung und eines Sexualdelikts.

Der Künstler Pawlenski scheint sogar noch in der U-Haft Anfang 2016 Spaß an dem Ärger zu haben, den er mit seinen Aktionen dem Staat bereitet. Er verlangt hintersinnig, nicht wegen Vandalismus, sondern als Terrorist angeklagt zu werden. Klaglos nimmt er die Strapazen der Haft samt Misshandlung in Kauf. Ein Staatsanwalt kündigte aus Protest gegen den Beschluss, Pawlenski in die Psychiatrie einzuliefern, ein Psychiater bescheinigt ihm vor der Kamera geistige Gesundheit. Es wird deutlich, dass Pawlenski Denkanstöße geliefert und Leute dazu gebracht hat, Stellung zu beziehen. In Scherenschnitt-Optik lässt Langemann Szenen aus den Verhören nachspielen, holt Pawlenskis Anwälte vor die Kamera. So mutet auch dieser Film wie ein weiterer Teil des Gesamtkunstwerks an, mit dem Pawlenski Politik abbilden und verändern will.

Im Privatleben allerdings wirkt Pawlenskis Radikalität zuweilen prekär. Seine Lebensgefährtin musste zu einem drastischen Mittel greifen, um ihn nach einer Trennung zurückzugewinnen, und das Paar lässt die beiden Töchter nicht zur Schule gehen. Solche kritischen Punkte runden das spannende Porträt dieses sehr eigenwilligen Menschen und Künstlers ab, der sich mit Haut und Haar als Versuchsperson des Protests begreift.

Fazit: Irene Langemann porträtiert den russischen Performance-Künstler Pjotr Pawlenski in diesem spannenden Dokumentarfilm als radikalen Aktivisten, der die fehlende Meinungsfreiheit in seiner Heimat mit drastischen Mitteln anprangert. Wiederholt setzte Pawlenski seinen Körper bei aufsehenerregenden Aktionen als Kunstfläche und Mahnmal ein, bevor er Ende 2015 für sechs Monate inhaftiert wurde. Der Film bringt auch kritische Aspekte seiner Persönlichkeit zur Sprache, würdigt aber vor allem den Mut und die Originalität des Künstlers, der sich inzwischen ins Ausland abgesetzt hat.




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Land: Deutschland
Jahr: 2016
Genre: Dokumentation
Länge: 99 Minuten
Kinostart: 16.03.2017
Regie: Irene Langemann
Verleih: Die FILMAgentinnen, Lichtfilm GmbH

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