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Scarred Hearts - Vernarbte Herzen
Scarred Hearts - Vernarbte Herzen
© Real Fiction

Kritik: Scarred Hearts - Vernarbte Herzen (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der neue Film des rumänischen Regisseurs Radu Jude ("Aferim!") basiert auf dem autobiografischen Roman "Vernarbte Herzen" von M. Blecher. Der rumänische Schriftsteller erlag 1938 im Alter von 29 Jahren nach langem Leiden seiner Knochentuberkulose. Judes Film ist sowohl eine Hommage an die literarische Kunst Blechers, als auch ein stimmungsvolles historisches Porträt der Zeit zwischen den Weltkriegen in Rumänien. Selbst in einem so entlegenen Raum wie diesem Sanatorium am Schwarzen Meer hallt das gesellschaftliche Echo von Antisemitismus und aufkommendem Faschismus nach. Die persönliche Zukunftsangst der Kranken findet eine Entsprechung in den Wolken, die am politischen Himmel Europas aufziehen. So widmet sich Jude einer Epoche, die von der rumänischen Gesellschaft in den Jahrzehnten des Kommunismus nie aufgearbeitet wurde.

Wie mag Rumänien in den 1930ern ausgesehen haben, worüber sprachen die Menschen, welche Lieder sangen sie? Wer die historische Schatztruhe öffnet, findet einen unermesslichen Reichtum an Leben, aber auch an verstörenden Wahrheiten. Ein Lied, das auch der jüdische Emanuel vernimmt, beschuldigt die "Diebe und Juden", die Rumänen auszusaugen. Der belesene Kranke kontert mit sarkastischer Eloquenz und zählt seinen Mitpatienten genüsslich auf, welche angesehenen Schriftsteller vom faschistischen Bazillus befallen sind. Manchmal rezitiert er auch voller Spott Werbeslogans, die es schon damals gab. Seine ironische, leicht überhebliche Jugendattitüde steht in einem schmerzlichen Kontrast zu seiner körperlichen Schwäche. Zwischen die mit statischer Kamera aufgenommenen langen Szenen werden Textzitate aus dem Buch eingestreut, in denen sich Emanuels prekärer Seelenzustand artikuliert.

Die Kamera hält stets Abstand zu diesem Patienten, dessen Mimik dadurch kaum zur Geltung kommt. Emanuel ist beeinträchtigt, der Welt halb entrückt, und dennoch wortmächtig, auf pulsierende Weise wachsam. Die Kamera beobachtet die Arbeit der Ärzte oft durch geöffnete Türen, folgt den Pflegern und ihren bettlägerigen Schützlingen durch die Flure. Man fragt sich, ob die verordnete Reglosigkeit nicht mehr schadet als nützt. 141 Minuten dauert dieser so authentische, detailgenaue Einblick in eine Lebenslage, die sich verzweifelt gegen die Resignation stemmt. Ein ergreifender, schön inszenierter und für das gesellschaftliche Selbstverständnis wichtiger Film.

Fazit: Der rumänische Filmemacher Radu Jude verknüpft einen autobiografischen Roman des früh verstorbenen Schriftstellers M. Blecher mit einem faszinierenden Blick in die rumänische Gesellschaft der 1930er Jahre. Sie spiegelt sich im Mikrokosmos eines Sanatoriums, in welchem ein junger Knochentuberkulose-Patient einen Oberkörpergips verpasst bekommt. In genau beobachteten Szenen wird der zwischen Indifferenz und herzhafter Menschlichkeit schwankende Klinikalltag geschildert. Das dramatische Aufbäumen der jungen Hauptfigur gegen die drohende Resignation und ihr Lebenshunger prägen sich nachhaltig ein.





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