VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Europa - ein Kontinent als Beute
Europa - ein Kontinent als Beute
© Salzgeber & Co

Kritik: Europa - ein Kontinent als Beute (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Seit den frühen 90er-Jahren produziert Regisseur Christoph Schuch vor allem Natur- und Kultur-Dokumentationen. Dafür gründete er sein eigenes Label: AVATI-FILM. Er selbst realisiert als Regisseur seit 1994 Dokus für Kino und TV. Daneben inszenierte er in den letzten Jahren immer wieder Magazinbeiträge für öffentlich-rechtliche Sendungen wie "WISO" (ZDF) oder "Foyer" (3Sat). Der Frankfurter Rainer Krausz ist seit Mitte der 90er-Jahre als freier Kameramann tätig. Außerdem produzierte er preisgekrönte Filmprojekte, darunter u.a. di Kino-Doku "Opernfieber" von 2005. Die Produktion wurde im selben Jahr mit dem Hessischen Filmpreis als "bester Dokumentarfilm" prämiert.

Eins vorweg: Interesse für die Thematik sollte man auf jeden Fall mitbringen, da es sich um komplexe, vielschichtige Ereignisse und Verflechtungen handelt, um die es hier geht. Lässt man sich aber darauf ein und versucht – konzentriert – das komplizierte Konstrukt hinter den Krisen in den Staaten Europas zu verstehen, wird man mit einer informativen, sehenswerten Doku belohnt. Der Film stellt viele Fragen. Etwa wie es passieren konnte, dass westliche Demokratien (und vormalige Wohlstandsländer) wie Griechenland und Portugal, im Zuge der Finanzkrise immer mehr an Souveränität einbüßten. Oder wie es möglich ist, dass Arbeitsrechte – die im Laufe vieler Jahrzehnte erkämpft wurden – sowie Sozialstandards und Wohlstand, quasi von jetzt auf gleich "abgeschafft" werden.

Antworten auf diese Fragen versuchen drei Personen zu geben. Jeder von ihnen ist auf seinem Gebiet ein langjähriger Fachmann: der Europaabgeordnete der Linkspartei, Fabio De Masi, der Börsen-Experte und Bestsellerautor Dirk Müller ("Mister Dax") sowie der Schweizer Historiker und Publizist Daniele Ganser. Schnell fällt auf: einfache Antworten auf diese tiefsinnigen Fragen gibt es nicht. Aber die Ausführungen und aufgestellten Thesen ("Das Vermögen wird nach oben umverteilt"), regen zum Nachdenken an.

An einer Stelle des Films wird gesagt, dass durch die Finanzkrise und die finanziellen Abhängigkeiten von Staaten wie Portugal oder Griechenland, "verlorene Generationen" herangezüchtet würden. Die Menschen leben in Ländern, die sich nur schwer wieder von der kollektiven Depression erholen würden. Führt man sich als Zuschauer nochmals die Bilder, etwa aus Griechenland, vor Augen, kann man dieser Aussauge nur zustimmen: der Sparkurs der Regierung dort sorgt z.B. dafür, dass viele Familien nicht mal mehr Geld für die Stromrechnung haben. Zumal die Stromtarife in Griechenland seit der Finanzkrise um mehr als 50 Prozent gestiegen sind. Bilder von im Dunkeln sitzenden Familien, gingen vor einigen Monaten um die Welt.

Doch das ist nur das geringste Übel: Der drastische Sparkurs in Griechenland hat einer Studie zufolge schlimmste Konsequenzen auch für das höchste Gut eines jeden Menschen: die Gesundheit. Einige Auswirkungen der Maßnahmen im Gesundheitswesen: mehr Totgeburten, HIV-Neuinfektionen und viel mehr Depressionsfälle. Am Ende ist es also wie immer die unschuldige Zivilbevölkerung, die am meisten zu leiden hat.

Fazit: Vielschichtige, anspruchsvolle Doku über die komplexen Gründe von Nationalismus, Demokratie-Feindlichkeit und Rassenhass in vielen Staaten Europas. Der Film verlangt vom Zuschauer Konzentration und dass er sich auf die komplexe Thematik einlässt. Belohnt wird er dafür mit erhellenden Erkenntnissen und vielen Experten-Einschätzungen.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.