VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Una & Ray
Una & Ray
© Weltkino Filmverleih

Kritik: Una & Ray (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

In seinem ersten Kinofilm taucht der australische Regisseur Benedict Andrews in die Abgründe einer verbotenen Beziehung und ihrer Langzeitfolgen ein. 15 Jahre, nachdem sie als 13-jähriges Mädchen eine Affäre mit dem Nachbarn hatte, taucht Una überraschend in seinem Leben auf und konfrontiert ihn mit der Vergangenheit, die er längst hinter sich gelassen glaubte. Im Laufe ihrer Begegnung wird deutlich, dass sich ihre Beziehung nicht nur über den sexuellen Missbrauch definierte, sondern auch dem beiderseitigen Wunsch entsprang, fortzuziehen in ein neues Leben. Das Drehbuch, das der Schotte David Harrower schrieb, basiert auf seinem Theaterstück "Blackbird".

Als sich Una der Firma nähert, in der Ray arbeitet, muss sie sich übergeben. Aber im Gespräch mit ihm wird schnell klar, dass es ihr nicht so sehr um Rache für den Missbrauch geht. Was Una nach wie vor quält, ist der Verrat, den Ray an ihr beging, als er nach dem Sex nur schnell Zigaretten kaufen wollte und nicht wiederkehrte. Una hat sich offenbar seither nie wieder an einen Mann gebunden. Ray wiederum entpuppt sich als ambivalenter Charakter, der viel zu sehr in seinem Geflecht von Lügen verstrickt ist, um sie selbst zu durchschauen. Er behauptet, nicht pädophil veranlagt zu sein, und dass sie für ihn einzigartig gewesen sei.

Wenn sich dann die Rückblenden häufen, in denen Ray und das Mädchen flirten, in denen sie beschließen, aus England fortzuziehen, fällt es schwer, diese Wahrheit, auch wenn sie noch so spontan und utopisch war, nicht anzuerkennen. Der Film bezieht seine provokante Spannung aus der ständigen Unsicherheit, ob es nun Missbrauch oder Liebe oder nicht vielmehr beides war. Das Mädchen Una verschenkte ihr Herz an einen Mann, der sie scheinbar aufwertete und Ray ließ sich verführen von einer Unschuld, die nicht die seine war.

Stilistisch erinnert das Kammerspiel sehr an ein Theaterstück, hebt die beiden Figuren aus dem Kontext heraus in eine Art Blase. Die Schnitte wirken in ihrer dichten Folge etwas prätenziös und zerstückeln die nichtlineare Dramaturgie auf anstrengende Weise. Interessant ist der Blick auf die Architektur, wie prägend, erdrückend sie wirken kann mit ihren trutzigen Ziegelhäusern, den hohen Straßenbrücken aus Beton. Una will Ray dazu zwingen, sie aus ihrem inneren Gefängnis zu befreien. Der Film lässt offen, inwiefern das gelingt, und die Zuschauer werden es nicht leicht finden, dieses schillernd zwiespältige Stück zu interpretieren.

Fazit: In dem kammerspielartigen Drama, das auf David Harrowers Theaterstück "Blackbird" basiert, konfrontiert eine junge Frau den Mann, der sie als 13-jähriges Mädchen verführte. Die Auseinandersetzung mit den Erinnerungen ist nicht nur von Wut und Abwehr, sondern auch von emotionaler Anziehung geprägt. Diese Ambivalenz, die über den Aspekt des sexuellen Missbrauchs hinauszuweisen scheint, verleiht dem in eine rätselhafte Aura gehüllten Kinoregiedebüt von Benedict Andrews eine provokante Spannung.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.