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The Eyes of My Mother
The Eyes of My Mother
© Bildstörung

Kritik: The Eyes of My Mother (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der Debütfilm des amerikanischen Regisseurs Nicolas Pesce ist ein stilvoll in Schwarz-Weiß gedrehtes Horrorstück voller Melancholie. Das Grauen geht darin eine verstörende Verbindung mit der Sehnsucht der Hauptfigur nach Liebe und Nähe ein. In langen, ruhigen Einstellungen gedreht, taucht die rätselhafte Geschichte in die Welt der jungen Francisca ein, die in aller Unschuld schreckliche Dinge tut. Die Handlung spielt in einer nicht näher definierten Zeit, in der es zwar Fernsehen, aber kein Internet gibt.

Der traumwandlerische, sinnliche Film feierte auf dem Sundance Film Festival 2016 sein Debüt und lief auch schon auf dem deutschen Fantasy Filmfest. Er schlägt eine Brücke zwischen dem Weltschmerz, wie ihn der öfter erklingende portugiesische Fado-Gesang kennt, und dem Lebensgefühl auf entlegenen US-Farmen, wo schon so viele reale und erdachte Schauergeschichten ihren Anfang nahmen.

Franciscas Mutter impft das Kind von klein auf mit dem Keim des Wahnsinns. Als gebildete Ausländerin wirkt sie in dieser ländlichen Umgebung wie auf dem Mond. Als ihre einzige Gesprächspartnerin kommt die Tochter in den Genuss ihrer makabren Ansichten. Aber der wortkarge Vater ist ebenfalls halb irre. Warum er die Leiche seiner Frau im Wald vergräbt und den Mörder im Schuppen einsperrt, bleibt sein Geheimnis.

Die Filmschnitte erfolgen oft unvermittelt, lassen das Gesehene merkwürdig in der Schwebe. So reihen sich bruchstückhafte Szenen aus Franciscas Leben aneinander, ihre Tänze mit dem Vater, ihre Mahlzeiten am schön gedeckten Tisch, die Worte, die sie an ihn richtet, als er schon längst tot ist und ihr Gesellschaft leisten soll. Von den Gewaltakten selbst bekommt man so gut wie nichts zu sehen. Danach wischt Francisca Blutlachen weg, bandagiert verletzte Augenpartien. Für Schaudern sorgt vor allem die Beiläufigkeit, mit der sie die Verbrechen in ihren Alltag integriert. Die Monologe, die sie an die tote Mutter richtet, geben besonders berührende Einblicke in die Unschuld ihrer Motive.

Auch sexuelle und romantische Elemente werden in die Geschichte eingewoben. Francisca trägt weiße Kleider oder ein durchsichtiges Nachthemd und ihre Bewegungen sind oft betont elegant und vornehm. Manchmal vermeint man, den Wind heulen zu hören, der Unheil ankündigt. Der spärliche Einsatz der Filmmusik mit ihren hallenden Klängen wirkt ebenso eigenwillig wie der Schnitt. So entsteht der Eindruck einer Unvorhersehbarkeit, die das Geschehen noch näher ans Surreale heranrücken lässt.

Fazit: Der Horrorfilm des amerikanischen Debütregisseurs Nicolas Pesce entpuppt sich als schaurig-makabres Klagelied auf eine von der Einsamkeit deformierte Seele. Die junge Frau, die in ländlicher Abgeschiedenheit schlimme Taten begeht, inszeniert der Regisseur als tragische und romantische Heldin. In stilvollem Schwarz-Weiß gedreht, folgt die Geschichte einer ruhigen, aber auch betont rätselhaften Dramaturgie, in der sich das Grauen gerade auf beiläufige Weise überzeugend entfaltet.





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