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Neben den Gleisen
Neben den Gleisen
© Die FILMAgentinnen

Kritik: Neben den Gleisen (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Von "Dunkeldeutschland" und "Pack" war in den letzten Jahren immer wieder die Rede, wenn es um die Flüchtlingskrise und die Feindseligkeit mancher Deutscher gegenüber Asylsuchenden ging. Dieter Schumanns Dokumentarfilm "Neben den Gleisen" scheint nun auf den ersten Blick so manches Klischee zu bestätigen: Der Regisseur porträtiert ein Milieu, in dem Resignation und Frust vorherrschen und wo die Menschen ihre Existenz oft nur mit staatlicher Unterstützung oder schlecht bezahlter Zeitarbeit sichern können. Alkohol und Politikverdrossenheit gehören hier, in einem mecklenburgischen Bahnhofskiosk, genauso zum Alltag wie rassistische Vorurteile sowie die nostalgische Verklärung der Planwirtschaft.

Es sind mitunter groteske Szenen, die sich in "Neben den Gleisen" abspielen. Jugendlich erzählen da etwa vor laufender Kamera von den Gerüchten über Flüchtlinge, die sie über Facebook erfahren haben, und scheinen den Geschichten von menschenfressenden Asylanten nicht ganz ungläubig gegenüberzustehen. Schumann inszeniert trotzdem keine Freakshow, die von oben herab auf die Protagonisten schaut, sondern sucht gezielt den Dialog auf Augenhöhe. So offenbart eine junge Frau, die zuvor noch gedankenlos fremdenfeindliche Stereotype verbreitete, später im Gespräch, dass ihre besten Freunde Syrer seien und sie sogar ein wenig Arabisch gelernt hätte.

So entsteht nach und nach ein differenziertes Porträt, dass die widersprüchliche Wirklichkeit angemessen reflektiert. "Neben den Gleisen" verklärt den Gegenstand seiner Betrachtung ebenso wenig, wie es ihn verteufelt. Vielmehr gelingt es Schumann, eine hässliche Seite Deutschlands zu zeigen, ohne den beteiligten Menschen dabei ihre Würde abzusprechen. Dass die Protagonisten sich nicht auf ihre politischen Ansichten oder ihre soziale Not beschränken lassen, wird beispielsweise klar, wenn Schumann einem jungen Paar die Kamera überlässt: Die Teenager filmen sich beim ausgelassenen Fahrradfahren und zumindest für einen kurzen Augenblick dürfen sie mehr sein als bloß die Gesichter eines gesellschaftlichen Scheiterns.

Fazit: Dieter Schumanns sehenswerte Milieustudie zeigt eine von Resignation und Frust geprägte, mitunter äußerst hässliche Seite Deutschlands. Dabei bleibt "Neben den Gleisen" jedoch stets auf Augenhöhe mit seinen Protagonisten und spricht diesen zu keinem Zeitpunkt ihre Würde ab.





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