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Ein Chanson für Dich
Ein Chanson für Dich
© Alamode Film © Die FILMAgentinnen

Kritik: Ein Chanson für Dich (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Der belgische Regisseur Bavo Defurne hat aus einer einfachen Geschichte einen bezaubernden Spielfilm gestrickt. Eine ehemalige Chansonsängerin, die nach einer kurzen Karriere im Rampenlicht ihre Träume begraben musste, verliebt sich in einen viel jüngeren Mann. Die Bewunderung und die Gefühle Jeans verleihen Liliane Flügel und befreien sie aus der Einsamkeit ihres Lebens als Fabrikarbeiterin. Auf einmal erscheint es ihr nicht mehr undenkbar, auf die Bühne zurückzukehren – sogar auf die des Eurovision Song Contest, bei dem sie einmal vor langer Zeit beinahe gesiegt hätte.

So unscheinbar, wie Liliane ihr Leben zwischen Pastetenfabrik und einsamen Fernsehabenden führt, beginnt auch dieser Film. Und auch später, wenn die naive, an die Welt der Schlager und ihrer Texte angelehnte Hoffnung auf Glück Liliane den Kopf verdreht, bewahrt sich die Geschichte nüchtern-realistische Anteile. Lilianes neue Träume, die Leidenschaft, das Gefühl, wieder jung, erfolgreich und begehrt zu sein, stehen auf wackeligem Grund. Nicht einmal Liliane selbst scheint sich ihrer Sache sicher zu sein. Stets ist die Lächerlichkeit nur einen Schritt weit entfernt. Zum Beispiel, wenn Jean seinen Eltern, bei denen er noch wohnt, endlich seine Liebe zu Liliane, die im Alter seiner Mutter ist, gesteht. Oder wenn Liliane vor Soldaten und vor Altenheimbewohnern auftritt und gemischte Reaktionen erhält. Mit der Lächerlichkeit flirtet auch der Film selbst, indem er Liliane beim Singen auf der Bühne ungelenke, übertrieben wirkende Gesten vollführen lässt, die Schlagerstars früherer Zeiten so liebten.

Isabelle Huppert tänzelt als Liliane gut gelaunt auf diesem schmalen Grat zwischen später Blüte und Ernüchterung. Wenn sie anfangs in den Spiegel schaut und dann, ohne eine Miene zu verziehen, ein wenig Lippenstift aufträgt, weiß man, dass Liliane nicht zum Selbstmitleid neigt. Sie wird bereit sein, dem vermeintlichen Schicksal, das nur dem gesellschaftlichen Klischee über Älterwerden und Verzicht gehorcht, ein Schnippchen zu schlagen. Huppert muss sich selbst nicht jünger machen, und vielleicht wirkt Lilianes Beziehung mit Jean gerade deswegen entwaffnend, ungekünstelt. Es ist ein großes Vergnügen, Huppert in diesem Film spielen zu sehen, in dem sie wieder eine starke Frau wie in "Elle" darstellt, aber auf ganz andere Weise. Kévin Azaïs meistert den Balanceakt zwischen schlagerseliger, naiver Reinheit des Herzens und Realismus ebenfalls überzeugend.

Fazit: Der Spielfilm des belgischen Regisseurs Bavo Defurne vollzieht einen gelungenen Spagat zwischen Realismus und naiver Träumerei, indem er über das späte Comeback einer Schlagersängerin und ihre Liebe zu einem viel jüngeren Mann erzählt. Isabelle Huppert verleiht der recht unprätentiös inszenierten Geschichte Glanz und lässt das riskante Abenteuer, mit dem sich die Hauptfigur von ihrer Mauerblümchen-Rolle verabschiedet, glaubhaft und rührend zugleich wirken.





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