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Die vergessene Armee
Die vergessene Armee
© Salzgeber & Co

Kritik: Die vergessene Armee (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Was empfinden Berufssoldaten, wenn sich ihre Armee und der Staat, auf den sie einen Fahneneid geleistet haben, einfach auflösen? Die in Berlin lebende dänische Regisseurin sucht in ihrem Langfilmdebüt das Gespräch mit ehemaligen Soldaten der NVA, der Nationalen Volksarmee der DDR. Sie lernt Männer kennen, die den vergangenen Zeiten nachhängen und gerne zu Treffen der Traditionsverbände gehen, um ihre Uniformen wieder zu tragen und den alten Kameradschaftsgeist zu spüren. Manche von ihnen fühlen sich dem alten Fahneneid immer noch verpflichtet und alle verbindet ein gewisser Stolz auf die ehemalige Mitgliedschaft in der NVA, die sie als einen wichtigen Teil ihres Lebens empfinden.

Ein älteres Ehepaar wünscht sich die DDR wieder zurück, sogar mit all ihren Fehlern. Eines aber finden die beiden dann nachträglich doch nicht so gut an der DDR, nämlich, dass Westkontakte so misstrauisch unterbunden wurden. Ein Mann habe nicht zu seinem sterbenden Vater fahren dürfen, bedauern sie. Viele der Männer, mit denen Astrup spricht, hängen an ihrer alten Uniform, den militärischen Dienstgraden und Ritualen. Einer findet, die kampflose Übergabe der Fahne, die Selbstauflösung der NVA sei ihm Grunde ein "Sakrileg" für jeden Soldaten gewesen. Viele hadern damit, dass sich der Sozialismus als Wert plötzlich erübrigt hatte. Kritische Stimmen über die DDR sind im Kreis der Befragten eher selten zu hören.

Groß ist das Misstrauen gegenüber Außenstehenden und der Filmemacherin selbst, nicht nur bei den Feiern zu Jahrestagen der NVA-Gründung. Denn es gibt danach Anzeigen von Verfolgten des DDR-Regimes, die es nicht gut finden, in Berlin plötzlich wieder NVA-Uniformierten zu begegnen. Dieses Misstrauen wird in den Gesprächen spürbar, die selten in die Tiefe gehen. Ein Grenzsoldat erzählt über den Schießbefehl, dem er sich selbst einmal beugen musste, und setzt dabei ein merkwürdiges Lächeln auf, aus dem das Gefühl, nicht verstanden zu werden, spricht. Kaum je entsteht in der Diskussion eine Differenzierung, zwischen dem Recht auf Traditionspflege zum Beispiel oder dem durch das Ende der DDR verletzten Stolz, und einer möglicherweise veränderten Sicht auf den Zwang im totalitären Regime. Astrup streut hier und da Ausschnitte aus Lehrfilmen der NVA und anderes Archivmaterial ein, das belegt, wie sehr die Aussagen der Befragten mit der DDR-Staatspropaganda übereinstimmen. Der Film beweist, dass es zu diesem Thema noch Gesprächsbedarf gibt.

Fazit: Der Dokumentarfilm von Signe Astrup befragt ehemalige Soldaten der Nationalen Volksarmee der DDR, die sich 1990 auflöste. Zumindest unter den Mitgliedern und im Umfeld der Verbände, die sich der NVA-Traditionspflege widmen, findet die Filmemacherin viele Gesprächspartner, die an ihrer alten Uniform und der beim Militär erlebten Kameradschaft hängen. Dass an der früheren DDR nur wenig Kritik geäußert wird, liegt auch am generellen Misstrauen der Befragten, das vertiefende Diskussionen des interessanten Filmthemas kaum zulässt.





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