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Kritik: Drei von Sinnen (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Zu dritt drei Wochen unterwegs zu sein, kann eine Freundschaft ganz schön belasten. Die Strapazen des Wanderns oder Zeltens, die tägliche Nähe sorgen sicher nicht durchgehend für gute Stimmung. Die drei Freunde jedoch, um die es in diesem Dokumentarfilm geht, wollen es sich auf ihrer Reise vom Bodensee zum Atlantik noch viel schwerer machen und verwandeln sie damit praktisch in einen Extremurlaub. Bart, David und Jakob wollen verstärkt aufeinander angewiesen sein, indem einer nicht sprechen, der zweite nicht sehen und der dritte nicht hören darf. Bereits nach wenigen Tagen sind die Freunde nahe daran, das Experiment abzubrechen, weil die Spannungen eskalieren. Die prozesshafte Dynamik mit Krisen und inneren Entwicklungen, die fiktionale Roadmovies auszeichnet, fliegt diesem Film von Regisseur Kerim Kortel jedenfalls schon wegen seines besonderen Themas zu.

Wiederholt berichten die drei Freunde in Voice-Over, dass dieses Experiment sie alles viel intensiver wahrnehmen lässt. Das gilt auch für die Konflikte, die nicht verbal bereinigt werden können. Wenn der Nicht-Sehende spricht, versteht ihn der eine nicht und der andere kann ihm nicht antworten. Bevor sich eine rudimentär funktionierende Kommunikation zu dritt einspielen kann, bekommt die Freundschaft von Bart und Jakob einen ernsthaften Knacks. Indem er die Reise nicht als reinen Erfolg präsentiert, wirkt der Film sehr ehrlich und authentisch. Im Laufe der Zeit aber lernen die Freunde, gelassener zu sein, sie vertrauen sich mehr, sie finden sich mit der Wortkargheit ab und ringen dem Trip dennoch Glanzpunkte ab wie zum Beispiel eine längere Kanufahrt. Die im positiven Sinne abenteuerlichen Momente bilden einen reizvollen Kontrast zu den Szenen, in denen die Protagonisten an ihre emotionalen Grenzen kommen. An Grenzen kommt dabei auch das Filmprojekt selbst, denn nicht immer gelingt es, die Schwierigkeiten der Kommunikation und die auftauchenden Konflikte verständlich zu machen.

Die wechselnden Landschaften, das durchwachsene Wetter, die kurzen Bekanntschaften unterwegs sorgen für Kurzweil und eine realistische Reise-Atmosphäre. Dazu erklingt launig-gemütliche Musik mit Akkordeon, Gitarre und anderen Instrumenten. Die naive, fröhliche Entdeckungslust der drei Freunde bricht sich immer wieder Bahn. Sie verfügen aber auch über den Mut zur Wahrheit, der gefragt ist, wenn die Selbsterfahrung unangenehm wird.

Fazit: Der Dokumentarfilm begleitet drei junge Freunde auf einer als Experiment angelegten Reise vom Bodensee zum Atlantik. Sie wollen wie die drei Affen unterwegs jeweils nicht sehen, nicht hören und nicht sprechen, um zu erfahren, wie es ist, aufeinander angewiesen zu sein. Die Beziehungen geraten schnell in Turbulenzen, wovon die emotionale Spannung des abenteuerlichen Roadtrips nur profitiert. Der kurzweilige Film weckt Sympathien für seine mutigen Protagonisten, kann ihr Erleben aber nicht immer transparent genug erschließen.





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