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Einsteins Nichten
Einsteins Nichten
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Kritik: Einsteins Nichten (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Mitansehen der Ermordung ihrer Tante und Cousinen, war für die damals 14-jährigen Mädchen Lorenza und Paola, ein einschneidendes Ereignis. Begleitet vom deutschen Regisseur und Drehbuchautor Friedemann Fromm, kehren sie für "Einsteins Nichten" an die Orte ihrer Kindheit zurück – und auch in die Villa, in der das Verbrechen einst geschah. Friedemann Fromm ist in erster Linie durch seine Arbeit als Regisseur einiger Tatort-Folgen bekannt geworden. Auch einzelne Folgen der Krimi-Reihen "Sperling" und "Polizeiruf 110" inszenierte er. Für seine Arbeiten erhielt er die renommiertesten Preise der Branche, darunter den Adolf-Grimme-Preis und auch den Bayerischen Fernsehpreis.

"Einsteins Nichten" lebt von seinen beiden rührend auftretenden, ungemein liebreizenden beiden alten Damen, die sich auf die Spuren der Vergangenheit begeben. Ihr eigenes, langes und ereignisreiches Leben (beide gehen immerhin stramm auf die 90 zu) steht hier weniger im Mittelpunkt. Vielmehr konzentriert sich der Film auf die Jugendjahre der Schwestern in Italien, das schicksalhafte Ereignis in jenem August 1944 und vor allem auch auf den berühmten Namen ihres Großonkels: Albert Einstein.

Eine wirkliche Beziehung konnten Lorenza und Paola aber leider nicht zu ihrem (entfernen) Verwandten aufbauen. Ein paar Begegnungen gab es, das war es aber auch schon. Die Erzählungen darüber im Film, bauscht Regisseur Fromm ein wenig bedeutungsschwanger auf bzw. misst ihnen ein wenig zu viel Bedeutung bei, und überhaupt: wäre hier nicht der Name "Einstein" involviert, die Geschichte der ermordeten Frau und ihrer beiden Kinder (Robert Einstein beging später Suizid), unterschied sich nicht von dem Schicksal so vieler anderer Opfer des Nazi-Terrors in Italien.

Berechtigt ein bekannter, großer Name (Einstein) also dazu, einem bestimmten Familienschicksal während der NS-Besatzung mehr Aufmerksamkeit und Aufklärungsarbeit zugutekommen zu lassen, als dem Schicksal einer weniger "prominenten" Familie? Diese Frage könnte nach dem Film wieder verstärkt aufkommen. So oder so: gut ist, dass der Film ein Themenfeld zurück ins Blickfeld der Öffentlichkeit holt, das lange sträflich vernachlässigt wurde: die deutschen Kriegsverbrechen in Italien, begangen von 1943 bis 1945 (darunter Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Deportationen, Mord).

Stellvertretend für all diese Opfer stehen im Film nun Lorenza und Paola. Die ergreifendsten Momente stellen sich ein, wenn die Kamera ganz unmittelbar deren Gefühle einfängt. Gefühle, die sich beim Aufsuchen der Orte der Kindheit nicht zurückhalten lassen: etwa wenn eine der beiden Schwestern auf dem Grab des Onkels weinend zusammenbricht oder die beiden Schwestern minutenlang vor der Villa (in der der Mord geschah) umherlaufen, nur um das Haus nicht betreten zu müssen – aus Angst, dass sie die sie überkommenden Gefühlsregungen nicht ertragen können. Am Ende aber werden sie schließlich in genau jenem Raum stehen, in dem die Nazis kaltblütig Teile ihrer Familie auslöschten.

Doch in "Einsteins Nichten" ist immer wieder auch Platz für mildes Lächeln und leises Schmunzeln, was wiederum an der Herzlichkeit, dem sympathischen Wesen und der entwaffnenden Ehrlichkeit der Schwestern liegt. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters und der tragischen Familiengeschichte, sind Lorenza und Paola geistig voll auf der Höhe, mit einem fabelhaften Erinnerungsvermögen gesegnet und eine gehörige Portion Ironie und Schlagfertigkeit besitzen sie auch noch. Dies alles schafft ein stabiles emotionales Gegengewicht zur Ansonsten düsteren Thematik und nachdenklichen Aura des Films.

Fazit: "Einsteins Nichten" rückt die NS-Kriegsverbrechen in Italien wieder ins Blickfeld der Öffentlichkeit und lebt von seinen beiden herzlichen, offenen und liebenswürdigen Protagonisten.





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