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Berlin Falling
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Kritik: Berlin Falling (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Das Regiedebüt des Schauspielers Ken Duken, der auch den Hauptcharakter Frank darstellt, ist ein spannender Thriller mit politischem Inhalt. Frank hat als Soldat in Afghanistan Schuld auf sich geladen, und nun soll er dafür die Quittung bekommen. Denn der Terrorist Andreas steigt keineswegs zufällig in sein Auto. Der wie ein Kammerspiel als Kräftemessen und Duell der beiden Männer auf der Fahrt inszenierte Film verfügt über zwei starke, interessante Charaktere. Und er begibt sich tief in die Abgründe extremistischer Ideologien.

Duken versteht es gut, eine düstere Genreatmosphäre zu schaffen. Der verkaterte Frank fährt zu dröhnender Rockmusik zu schnell auf der winterlichen Landstraße – eine tickende Zeitbombe. Sein Mitfahrer Andreas registriert bang die Kreuze am Straßenrand, die an Unfalltote erinnern. Dass es gar so viele Kreuze sind, gibt diesem bösen Omen eine schwarzhumorige Note. Schritt für Schritt erkennt Frank dann, dass Andreas bestimmt, wohin die Fahrt geht. Das nimmt er nicht wehrlos hin, so dass er manchmal für kurze Zeit die Oberhand im Kampf gewinnt.

Das Drehbuch von Christoph Mille steckt voller Überraschungen. So hätte man Andreas aufgrund seiner zackigen Worte über das Recht des Stärkeren und die richtigen Werte im rechtsradikalen Milieu verortet. Doch dann scheint er plötzlich ein IS-Terrorist zu sein. Diese verblüffenden Wendungen machen den Reiz der Geschichte ebenso aus wie der verbale Schlagabtausch, den sich die beiden Männer auf der Fahrt liefern. Da sagt Frank zum Beispiel, wie sehr ihn die afghanischen Verhältnisse abstießen, oder gibt Andreas rechte, islamfeindliche Parolen zum Besten, die die Filmemacher aus lauter auf Facebook veröffentlichten Stimmen aus dem Volk zusammensetzten. Für diese Dialoge und die fatalistische Atmosphäre nimmt sich der Film Zeit, wodurch sich das Tempo zwischendurch schon fast irreal verlangsamen kann.

Zu dieser tranceähnlichen Stimmung, die Franks subjektives Erleben spiegelt, passt die Kameraarbeit von Ngo The Chau wunderbar. Sie fängt die winterliche Einsamkeit der flachen Landschaft ein, die unscharfen Muster, die die Berliner Weihnachtsbeleuchtung auf die Windschutzscheibe wirft. Oft ist sie so nahe an den beiden Figuren dran, dass sie sich zum Instrument ihrer Unberechenbarkeit macht. Auch das überzeugende Spiel von Ken Duken und Tom Wlaschiha trägt dazu bei, diesen Film zu einem besonderen Erlebnis werden zu lassen.

Fazit: Das Spielfilm-Regiedebüt des Schauspielers Ken Duken überzeugt als fesselnder Thriller. Auf einer Autoreise nach Berlin stellt ein Mann fest, dass ihn sein fremder Mitfahrer in einen terroristischen Anschlag hineinmanövriert. Der kammerspielartige Machtkampf sorgt mit seinen überraschenden Wendungen für hohe Spannung und dichte Genre-Atmosphäre. Es fehlt aber auch nicht an inhaltlicher Substanz, denn die Dialoge führen tief hinein in ideologische Verblendung, politisches und persönliches Versagen.





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