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Kritik: Western (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Valeska Grisebachs Film ist tatsächlich ein Western, auch wenn er in Bulgarien spielt. Denn er erzählt von harten Männern, es wird geritten, fremdes Territorium inklusive eines Provinznests erkundet, am Pokertisch gezockt, es gibt Konflikte um das Wasser. Die Konflikte liegen förmlich in der Luft, wenn die deutschen Bauarbeiter und die Dorfbewohner aufeinandertreffen und die Sprache ihres Gegenübers nicht verstehen. Der kreisende Suspense erinnert an den Showdown im Genre und es geht auch hier um Ehre, Respekt, archaische Werte, die Männer über alle kulturellen Barrieren hinweg teilen.

Jede Initiative, die die Fremden ergreifen, können die Dorfbewohner in den falschen Hals kriegen. Denn sie dringen in ein Gebiet ein, in dem die Territorien nicht offen markiert sind und ungeschriebene Gesetze herrschen. Als sich Meinhard beispielsweise im Gelände das weiße Pferd schnappt, lässt das Böses befürchten, denn man weiß ja, wie im Western mit Pferdedieben verfahren wird. Doch Meinhard selbst fühlt sich offenbar in der freien Landschaft wie ein Karl-May-Held, der endlich zeigen kann, was in ihm steckt. Der seinen eigenen inneren Kompass hat, der ihm immer sagt, was richtig und was falsch ist.

Meinhard verschmilzt immer mehr mit seinem Traum von Freiheit und Abenteuer und genießt die Beachtung der Männer aus dem Dorf. Seine weiche Seite drängt an die Oberfläche, fast schon in einer Art Blutsbrüderschaft, die er für einen freundlichen Bulgaren empfindet. Auf einmal hat der Deutsche Tränen in den Augen, bald darauf droht er gar, im Gefühlsüberschwang unberechenbar zu werden.

Grisebach drehte mit Laiendarstellern, so dass die kulturellen Unterschiede und auch die einzelnen Charaktere sehr authentisch wirken. Meinhard und die anderen Deutschen werden von echten Bauarbeitern dargestellt, die Bewohner des Dorfes, in dem gedreht wurde, spielten mit. Wenn beide Parteien im Dialog in verschiedenen Sprachen reden, bekommt die kulturelle Kluft eine satirische Deutlichkeit, erscheint das gegenseitige Beschnuppern auf witzige Weise verwegen. Überraschend oft jedoch gelingt es Meinhard und seinen einheimischen Kontakten, einen Konsens zu finden, der mehr oder weniger nonverbal etabliert wird. Das labile Vortasten erzeugt eine ungeheure Spannung, befeuert durch aufputschende Trommelrhythmen oder das zarte Schnarren der Zikaden.

Fazit: Der Filmemacherin Valeska Grisebach gelingt der frappierende Beweis, dass ein guter Western auch im heutigen Bulgarien spielen kann. Dort gibt es noch unberührte Landschaften und sich selbst regulierende Gemeinschaften, die ein paar fremde deutsche Bauarbeiter auf den Geschmack von Freiheit und Abenteuer bringen. Nach den Regeln des Genres baut der Film einen starken Suspense auf, der sich aus Konflikten und labilen Verständigungsversuchen speist. Mit satirischem Unterton und dennoch verblüffend glaubhaft wird herausgearbeitet, wie sich der zentrale Charakter Meinhard als eine Art Karl-May-Held inszeniert, um aus seiner Einsamkeit herauszutreten.





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