VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder
Abluka - Jeder misstraut jedem
Abluka - Jeder misstraut jedem
© Grandfilm

Kritik: Abluka - Jeder misstraut jedem (2015)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5

Während im Schnitt jede Woche eine leicht verdauliche türkische Großproduktion in den deutschen Multiplexen startet, haben kleine, sperrige Werke weiter einen schweren Stand. "Abluka" ist solch ein unbequemer Film und bereits zwei Jahre alt. Das Paranoia-Drama war 2015 bei den 72. Filmfestspielen von Venedig, ein Jahr später beim Filmfest München zu sehen. Und obwohl Emin Alpers zweite Regiearbeit hie wie da ausgezeichnet wurde, in Venedig gar den Spezialpreis der Jury erhielt, findet sie erst jetzt ein breiteres, wenn auch äußerst überschaubares Publikum. Dabei wären Alpers starker politischer Parabel so viele Zuschauer wie möglich zu wünschen.

Der 1974 in Zentralanatolien geborene und aufgewachsene Regisseur hat mehrfach betont, dass er die Idee zu "Abluka" bereits Anfang der 2000er-Jahre, also noch vor Recep Tayyip Erdoğans nationalem Aufstieg hatte. Ob gewollt oder ungewollt, ob in dunkler Voraussicht oder durch reinen Zufall erinnert die zugespitzte Handlung jedoch unweigerlich an die Verhältnisse in der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch aus dem Jahr 2016. Hier ist jedes Wort, jeder Blick, jede Geste mit Bedacht gewählt, aus Angst vom eigenen Nachbarn ans Messer geliefert zu werden.

Dieses Misstrauen, das sich sowohl bei Kadir (Mehmet Özgür) als auch bei seinem jüngeren Bruder Ahmet (Berkay Ateş) zusehends in einen Wahn steigert, ist Gift für jede Demokratie. Emin Alper übersetzt es in ausdrucksstarke Bilder. Das Blaugrau der kalten Nässe des herannahenden Winters frisst sich erst unmerklich, dann unweigerlich in die Herzen seiner Figuren. Deren Beklemmung greift nicht nur auf den Raum, sondern auch auf die Zeit über. Virtuos verwebt Alpers Drehbuch verschiedene Erzählebenen miteinander, die sich nur auf den ersten Blick logisch, im Rückblick schließlich metaphorisch bedingen.

In diesem düsteren Drama, in dem brennende Müllcontainer und Bombenexplosionen die Nacht erhellen, sind die Verhältnisse, die Zeit und die Menschen, die sich in beiden nicht mehr zurechtfinden, verrückt. Gemeinsam mit ihnen verliert auch das Publikum mehr und mehr die Orientierung. Alper zeigt eine Gesellschaft, in der Straßenköter nichts zählen und doch zum besten, weil einzig vertrauenswürdigen Freund des Menschen werden. Es ist eine Gesellschaft, in der die Menschen längst selbst zu geprügelten, als Spürnasen missbrauchten Hunden geworden sind. Diese starken Bilder trösten mühelos über die eine oder andere Länge und schauspielerische Schwäche hinweg.

Fazit: In seinem zweiten Spielfilm gelingt Emin Alper eine starke, düstere Parabel über den Umgang einer Gesellschaft mit Terrorismus und politischer Gewalt, die angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen dringlicher nicht sein könnte.





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.