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Abluka - Jeder misstraut jedem (2015)

Frenzy

Im Netz der Lügen: Emin Alpers düstere Parabel über einen Staat zwischen Terrorismus und Überwachung.Kritiker-Film-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 4 / 5
User-Film-Bewertung [?]: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3.0 / 5

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Nach einer zwanzigjährigen Haftstrafe kehrt Kadir (Mehmet Özgür) in sein altes Viertel zurück. Doch das Leben und die Menschen an den heruntergekommenen Rändern seiner Heimatstadt sind ihm ebenso fremd wie sein eigener, deutlich jüngerer Bruder Ahmet (Berkay Ateş). Der quartiert Kadir kurzerhand im Haus eines befreundeten Ehepaars (Tülin Özen, Ozan Akbaba) ein, während er frustriert auf die Rückkehr seiner Frau und Kinder wartet, die ihn kurz zuvor verlassen haben. Draußen geht derweil fast täglich eine Bombe in die Luft. Um dem Terror Herr zu werden, hat die Polizei Straßensperren errichtet, patrouilliert mit schwerem Gerät, überwacht ihre Bürger.

In diesem Klima des Misstrauens verdächtigt jeder jeden. Ahmet, der mit zwei Kollegen von der Stadtverwaltung jeden Tag Jagd auf streunende Hunde macht, schottet sich zusehends von der Außenwelt ab. Einzig zu einem verletzten, illegal beherbergten Hund findet er noch Zutrauen. Und auch Kadir setzt die Arbeit zu. Um nicht wieder ins Gefängnis zu wandern, muss er den Müll seines Viertels nach möglichen Teilen zum Bombenbau durchstöbern. Wie sein Bruder driftet er langsam in den Wahn ab.

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Filmkritikunterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse4 / 5

Während im Schnitt jede Woche eine leicht verdauliche türkische Großproduktion in den deutschen Multiplexen startet, haben kleine, sperrige Werke weiter einen schweren Stand. "Abluka" ist solch ein unbequemer Film und bereits zwei Jahre alt. Das Paranoia-Drama war 2015 bei den 72. Filmfestspielen von Venedig, ein Jahr später beim Filmfest München zu sehen. Und obwohl Emin Alpers zweite Regiearbeit hie wie da ausgezeichnet wurde, in Venedig gar den Spezialpreis der Jury erhielt, findet sie erst jetzt ein breiteres, wenn auch äußerst überschaubares Publikum. Dabei wären Alpers starker politischer Parabel so viele Zuschauer wie möglich zu wünschen.

Der 1974 in Zentralanatolien geborene und aufgewachsene Regisseur hat mehrfach betont, dass er die Idee zu "Abluka" bereits Anfang der 2000er-Jahre, also noch vor Recep Tayyip Erdoğans nationalem Aufstieg hatte. Ob gewollt oder ungewollt, ob in dunkler Voraussicht oder durch reinen Zufall erinnert die zugespitzte Handlung jedoch unweigerlich an die Verhältnisse in der Türkei nach dem gescheiterten Putschversuch aus dem Jahr 2016. Hier ist jedes Wort, jeder Blick, jede Geste mit Bedacht gewählt, aus Angst vom eigenen Nachbarn ans Messer geliefert zu werden.

Dieses Misstrauen, das sich sowohl bei Kadir (Mehmet Özgür) als auch bei seinem jüngeren Bruder Ahmet (Berkay Ateş) zusehends in einen Wahn steigert, ist Gift für jede Demokratie. Emin Alper übersetzt es in ausdrucksstarke Bilder. Das Blaugrau der kalten Nässe des herannahenden Winters frisst sich erst unmerklich, dann unweigerlich in die Herzen seiner Figuren. Deren Beklemmung greift nicht nur auf den Raum, sondern auch auf die Zeit über. Virtuos verwebt Alpers Drehbuch verschiedene Erzählebenen miteinander, die sich nur auf den ersten Blick logisch, im Rückblick schließlich metaphorisch bedingen.

In diesem düsteren Drama, in dem brennende Müllcontainer und Bombenexplosionen die Nacht erhellen, sind die Verhältnisse, die Zeit und die Menschen, die sich in beiden nicht mehr zurechtfinden, verrückt. Gemeinsam mit ihnen verliert auch das Publikum mehr und mehr die Orientierung. Alper zeigt eine Gesellschaft, in der Straßenköter nichts zählen und doch zum besten, weil einzig vertrauenswürdigen Freund des Menschen werden. Es ist eine Gesellschaft, in der die Menschen längst selbst zu geprügelten, als Spürnasen missbrauchten Hunden geworden sind. Diese starken Bilder trösten mühelos über die eine oder andere Länge und schauspielerische Schwäche hinweg.

Fazit: In seinem zweiten Spielfilm gelingt Emin Alper eine starke, düstere Parabel über den Umgang einer Gesellschaft mit Terrorismus und politischer Gewalt, die angesichts der gegenwärtigen Entwicklungen dringlicher nicht sein könnte.




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Land: Türkei, Frankreich, Katar
Jahr: 2015
Genre: Drama
Länge: 119 Minuten
Kinostart: 07.09.2017
Regie: Emin Alper
Darsteller: Mehmet Ozgur als Kadir (as Mehmet Ozgur), Berkay Ates als Ahmet, Tülin Özen als Meral
Verleih: Grandfilm

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