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Kritik: Die Hannas (2016)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Diese Beziehungs-Dramödie von Regisseurin Julia C. Kaiser kreist dynamisch um die Frage, wie die ideale Zweisamkeit aussehen kann und ob sie sich, wenn sie einmal gefunden wurde, ein Leben lang festhalten lässt. Anna und Hans sind ein Paar in den Dreißigern, das es sich im Laufe von 15 gemeinsamen Jahren sehr gemütlich eingerichtet hat. Aber Anna sehnt sich nach mehr Lebendigkeit. Sie geht zum Therapeuten und zum Schwimmen, beginnt eine Beziehung mit Nico. Auch Hans hat eigene Interessen und genießt die SM-Romantik mit Kim. Anna und Hans verheimlichen ihre Affären voreinander und wissen so auch nicht, dass Kim und Nico Schwestern sind, die eine traumatische Kindheit belastet. Die ungestüme Energie und fordernde Emotionalität dieser beiden Schwestern rüttelt Anna und Hans wach. Sie müssen endlich in den Spiegel schauen.

Anna und Hans sind als Charaktere sehr glaubhaft. Wie sehr sie an ihrer Beziehung hängen und wie wohl sie sich darin fühlen, teilt sich überzeugend mit. Aber immer ist zugleich bei beiden auch das Gefühl spürbar, dass etwas fehlt. Diese Verweigerung, eine Beziehung in simplen Entweder-Oder-Kategorien zu schildern, ist das große Plus dieses Films. Dennoch neigt auch er zur Bildung von Gegensätzen, vor allem, indem er den gefestigten "Hannas" die zwei instabilen Schwestern gegenüberstellt. Mit ihnen hält eine dick aufgetragene Missbrauchsgeschichte Einzug, die von Inzest bis zu lebensbedrohlicher Gewalt kaum einen mit dem Thema assoziierbaren Schrecken auslässt.

Die inhaltliche Konstruktion wirkt zuweilen gewollt, aber diesen Eindruck kontrastiert dann wiederum der impressionistische, leichte Erzählstil des Films. Viele Szenen sind an sich entweder alltäglich-unscheinbar oder ernst, aber sie besitzen zugleich Komik. So erlebt Anna mit den Klienten, die sie massiert, manchmal unliebsame Überraschungen, die den emotionalen Rahmen einer solchen Situation sprengen.

Die Aufnahmen wirken flirrend und spontan, im Hier und Jetzt und doch auf dem Sprung. Es gibt viele Nacht- und Halbdunkelszenen, es wird mit Licht, Farben und Unschärfen gespielt. Dazu erklingen manchmal gefühlvolle Songs. Mit seiner Nähe zur sehr sympathischen Hauptfigur Anna und seinem sowohl etwas melancholischen, als auch unbeschwerten Grundton gelingt es dem Film, zu berühren. Dennoch kann er eine gewisse Neigung zur Retortenhaftigkeit nicht ganz verhehlen.

Fazit: Die romantische Dramödie von Julia C. Kaiser lässt ein in seiner Geborgenheit eingelulltes Paar mit zwei emotional instabilen Schwestern fremdgehen. Dabei werden die Karten des Glücks und der Zufriedenheit neu gemischt. Trotz seines Spiels mit Gegensätzen wie Stillstand und Unrast sowie einer gewissen Klischeehaftigkeit gelingt es dem Film, die Komplexität einer Beziehung glaubhaft zu schildern. Die sympathische Figurenzeichnung und der leichte, fließende, oft dezent humorvolle Erzählstil entschädigen für die eine oder andere inhaltliche Konstruiertheit.





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