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Kritik: Das System Milch (2017)

Kritiker-Bewertung: unterirdischschlechtmittelmässiggutweltklasse 3 / 5

Der Südtiroler Andreas Pichler ("Europe for Sale") hat in seiner Jugend selbst Kühe auf die Weide geführt. Nun aber sagen ihm Bauern, dass es viel zu aufwändig geworden ist, die Tiere aus dem Stall hinaus an die frische Luft zu lassen. So erfährt er beispielsweise bei einem Familienbetrieb in Süddeutschland, dass dort in den 1980er Jahren 35 Kühe gehalten wurden, jetzt aber sind es 250. Ein Großbauer in Dänemark erzählt, dass er einen Hof mit 140 Tieren übernahm und mittlerweile 750 Milchkühe besitzt. In Pichlers Dokumentarfilm über die Misere der Milchbauern und den Wachstumsmarkt Milchindustrie ist viel vom Expansionsdruck die Rede, dem sich die Landwirte beugen, nur um den Hof nicht aufgeben zu müssen.

Die Bauern beklagen, dass sie keine Möglichkeit haben, auf die viel zu niedrigen Milchpreise Einfluss zu nehmen. Sie werden ihnen von Industrie und Handel diktiert, die im Marktwettbewerb auf kostengünstige Produkte setzen. Pichler zeigt am Beispiel unterschiedlicher Bauernhöfe auf, welche Folgen der Druck, für das gleiche Geld mehr zu produzieren, hat. Die Milchkühe werden nach fünf Jahren wirtschaftlich unrentabel, männliche Kälber gelten als Abfallprodukt. Züchter präsentieren auf einer Leistungsschau Kühe, die sich mit ihren riesigen Eutern kaum mehr bewegen können. Doch Pichler porträtiert auch einen Ökobauern in Südtirol, der gegen den Strom schwimmt. Er führt seine wenigen Kühe auf die Weide, verzichtet auf Kraftfutter, stellt Käse her, den er in der Region verkauft.

Auch im Senegal hat sich Pichler umgesehen, wo europäisches Milchpulver gerne gekauft wird, auch weil es billiger ist als die Milch der heimischen Bauern, die nicht subventioniert werden. Allerdings findet er im Gespräch mit dortigen Kuhbauern heraus, dass es gar keine Molkerei gibt, die ihnen die Milch abkaufen könnte. Der Film verweist zwar schlüssig auf Zusammenhänge, bleibt aber dann oft vor der erkannten Komplexität quasi stehen. Das fällt besonders auf, wenn es um die politische Ebene in Brüssel oder die Rolle der Bauernverbände geht. Hier scheint es keinen zu geben, der neue Lösungen vorschlägt. So bleibt am Ende eben nur der Verweis auf den Südtiroler Ökobauern und dass den Landwirten ein individueller, aber auch risikoreicher Ausstieg aus dem kapitalistisch-industriellen Hamsterrad offensteht. Damit begnügt sich der Film selbst mit dem bereits bekannten Stand der Dinge und findet keine politische Antwort auf die strukturelle Fehlentwicklung in der Milchwirtschaft.

Fazit: Andreas Pichlers Dokumentarfilm zeigt sehr schlüssig die komplexen Zusammenhänge auf, die europäischen Milchbauern und ihren Kühen das Leben schwermachen, während die Molkerei-Industrie auf wirtschaftliches Wachstum setzt. Landwirte, die sich dem ständigen Expansions-, Leistungs- und Preisdruck nicht mehr beugen wollen, finden auf politischer Ebene zu wenig Rückhalt. So bietet das Material dieses Films zwar Diskussionsstoff über die Dauerkrise im Agrarsektor, macht aber keine Hoffnung auf schnelle Lösungen.





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