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Eve und der letzte Gentleman
Eve und der letzte Gentleman
© Kinowelt

Kritik: Eve und der letzte Gentleman (1999)


Der Endzeit-Hysterie des Kalten Krieges und dem drohenden nuklearen Untergang begegnete das von der Kuba-Krise in seinen Grundfesten erschütterte Amerika mit grenzenloser Paranoia und einer naiven „Duck and Cover"-Strategie. So ist Hugh Wilsons liebenswerter Film „Eve und der letzte Gentleman“ auch eine Zeitreise zurück ins Spießerherz einer Familie, die sich im Bunker unter ihrem Haus für Überlebende eines Atomschlags hält – in Wirklichkeit ist nur ein Düsenjäger über ihrem Garten abgestürzt.

Unter der Erde stellt sich Nachwuchs ein, und 35 Jahre später fährt der von seinen Eltern (Sissy Spacek, Christopher Walken) sittsam erzogene und wohlbehütete junge Bunkermann nach oben, um im Los Angeles der 90er-Jahre Nachschub aufzutreiben. Und siehe da: Der atomare Untergang hat überhaupt nicht stattgefunden. Mit naivem Forscherdrang erkundet Brendan Fraser („Die Mumie“) alias Adam die für ihn fremde Welt und macht dabei alsbald Bekanntschaft mit dem anderen Geschlecht: Alicia Silverstone ist Eve, eine sarkastische Blondine.

Die Rolle des naiven Unschuldslamms ist Brendan Fraser perfekt auf den Leib geschrieben – er spielte sie bereits in einigen seiner früheren Filme: „Steinzeit Junior“, „Airheads“ und „George, der aus dem Dschungel kam“. Alicia Silverstone dagegen verbirgt ihre Begeisterung für den herzensguten Gentleman absichtlich hinter einer üblen Schnute – mit dem Ergebnis, dass die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern etwas auf der Strecke bleibt.

So gehen viele Pointen auf das Konto von Spacek und Walken, die ihr halbes Leben als spießig-liebenswertes Ehepaar in ihrem ausgebauten Bunker-Bungalow verbringen. Trotz seiner stotternden Romanze ist „Eve und der letzte Gentleman“ jedoch ein einfallsreicher Feelgood-Film mit Witz und Charme, den man gerade auch als abgeklärter Kinofan genießen kann.

Wer hätte es gedacht, hinter diesem Titel verbirgt sich eine der überraschendsten Komödien-Perlen der letzten Jahre! 'Blast from the Past', so der Originaltitel, ist eine turbulente Mischung aus Romantik, Slapstick, Parodie und Satire. Dazu bietet er mehr Untertöne als so manches tiefsinniges Drama.

Dabei startet der Film mit einer mehr als hanebüchen erscheinenden Prämisse: Im Jahre der großen Kuba-Krise baut der überzeugte Antikommunist Calvin Webbers, ein fachliches Genie auf allen wissenschaftlichen Ebenen, einen Luftschutzbunker, der eine perfekte, unterirdische Kopie des heimeligen Einfamilienhaus ist. Als nun die russischen Schiffe den Zorn Kennedys provozieren, ziehen er und seine schwangere Frau sich dorthin zurück. Ein Flugzeugabsturz lässt ihn vermuten, der Atomschlag sei vollzogen. Deshalb lässt er das unerbittliche Zeitschloss einschnappen, welches ihn, seine Frau und den gerade geborenen Sohn für 35 Jahre von der Außenwelt abschottet.

Als das Schloss nun endlich wieder Freigang verschafft, ist Adam –der im Glauben seiner Eltern neuerliche Erstgeborene- ein erwachsener Mann. Er will nun an die Oberfläche und eine Frau für sich suchen. Dies gestaltet sich ziemlich schwierig, denn in dem seiner Meinung nach post-atomaren Los Angeles der 90er geht es etwas rauher zu, als er es von seiner Familienidylle gewohnt war. Erst als er die grell geschminkte Eve trifft, ändert sich alles ein wenig. Wie ein Hündchen hängt er sich an sie, damit sie ihm doch helfen möge. Nebenbei erscheint sie ihm als die passende Partnerin, von der er in den letzten 15 Jahren gerademal träumen durfte.

Diese Konzeption macht 'Eve und der letzte Gentleman' so unterhaltsam. Denn anstatt auf rein kruder Ebene mit Kulturschock-Slapstick zu arbeiten, nutzt der Film seine extreme Polarisierung der Hauptfiguren dazu aus, die moderne romantische Komödie mit ihrem wilderen Vorgänger, der Screwball-Comedy, zu verbinden. Diese beiden Filmarten sind auf die Vereinbarkeit des scheinbar Unvereinbaren abonniert, und auch dieses Werk zieht sein Charme aus der Tatsache, dass wir Zuschauer genau wissen, dass sich die beiden kriegen, nur nicht wie.

Natürlich fehlen aber auch nicht Slapstick-Elemente, ebensowenig wie satirische Seitenhiebe auf unserer Gesellschaft, sie ordnen sich nur unter. Regisseur Hugh Wilson hat das richtige Händchen für Timing und ein herausragendes Ensemble, um auch die menschlichen Szenen umzusetzen. Wenn man auch merkt, wie und wo das Drehbuch konstruiert ist, so überrascht Wilson immer wieder mit kaum vermuteten oder an dieser Stelle nicht gedachten Wendungen. Die Geschichte ist, so episodenhaft sie von Szene zu Szene springen mag, immer spannend genug, damit wir ihr folgen. Es ist nicht das Warten auf den nächsten Gag, sondern die Neugier auf die nächste Wendung, die uns als Zuschauer bestimmt. Je länger der Film andauert, um so mehr gewinnen auch die Figuren an Kontur. Erscheint Adam anfangs noch als reiner Thor, so entwickelt er sich vom kindlich-fröhlichen Gemüt zum ernstzunehmenden Mann, der eben die Höflichkeit und ein positives Denken in sich hält. Nicht nur Eve bemerkt dies als Qualität. Aber auch sie ändert sich zusehends: Anfangs noch eine oberflächliche, wenn auch sympathische Schlampe (die etwas an Alicia Silverstones Darstellung in 'Clueless' erinnert), später eine verängstigte junge Frau, die ihre Orientierung zwischen äußerem Schein und innerem Sein verloren hat.

Wir kennen die Konflikte, die diesen Film in ungeheurer Reinheit bestimmen. Die Entscheidung zwischen seinem Selbst und einem passenden Bild, das man für die Gesellschaft abgeben muss. Oder die Konfrontation mit Chancen zur Veränderung, die gegen die Angst, den falschen Weg zu wählen, stehen. Dazu verhindern, mehr als alles andere, Enttäuschungen den Blick auf das Positive unserer Welt. Wir erkennen uns in den immer mehr von Zynismus geprägten Gestalten aus L.A. wieder.

Die Wahl des Casts ist herausragend. Brendan Fraser wirkt mit seinem Zahnpasta-Grinsen direkt einer dieser Fröhliche-Familie-Werbeplaketten von Persil oder Coca Cola entsprungen, die Anfang der 60er von jeder Hauswand grinsten. Alicia Silverstone knüpft dagegen endlich wieder an das charmante Schauspiel frühere Tage an und lässt einen das Batman-Debakel vergessen. Geheimtip sind aber die Kurzauftritte von Christopher Walken und Sissy Spacek als Adams Eltern, die die recht lange Exposition tragen, in der sehr viel vorbereitet wird, was sonst zu Langeweile führen könnte.

'Eve und der letzte Gentleman' ist ein wunderbarer Film geworden, nebenbei gesagt, ist er auch das perfekte dating-movie für die nächsten Monate, vermag er doch wilden Humor mit romantischer Grundstimmung zu verbinden. Er steht in einer Reihe mit der immer wieder aufkeimenden, hoffnungsvollen Gruppe von Filmen, die uns die Poesie in unser Leben zurückrufen wollen. Dabei geht er den umgekehrten Weg des letztjährigen Meisterstücks 'Pleasantville', erreicht aber die gleiche Reaktion. Wurden wir letztendlich bei 'Pleasantville' dazu gebracht, unsere eigene Welt wieder in Technicolor zu betrachten, so schafft es 'Eve' uns an die einfachen Schönheiten unseres Lebens zu erinnern: Als Adam das erste Mal voller Staunen den Himmel beobachtet, kommt gleich eine ganze Traube Passanten herbei und sucht ihn ab. Da muss doch etwas Besonderes sein. Sehen können sie es nicht. Dennoch kann man Adam bestätigen: Da ist was besonderes, wir haben uns nur viel zu sehr daran gewöhnt.




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