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Kritik: Ride with the Devil (1999)


In Ang Lees drittem US-Film steht der amerikanische Bürgerkrieg im Mittelpunkt. "Ride With the Devil" könnte man als das Gegenteil von Emmerichs programmatischen Feldzug "Der Patriot" betrachten: statt vor Pathos und Vaterlandsliebe glühenden Helden, die vor werbetauglichen Sonnenuntergängen ihr Familienglück pflegen und Widerlinge mit Tomahawks amputieren, leiden die Protagonisten in kalten Wintern an Hunger, kämpfen für die Südstaaten (die Schlechten also) und verlieren mehr als nur ihr Leben.

Es ist wahrlich ein Ritt mit dem Teufel geworden, einer der Wert auf historische Tatsachen legt und auf Glanz und Gloria verzichtet. Selbst den Jungstars gönnt Lee keine Bewunderung - nicht mal dem Popjuwel Jewel in ihrer ersten Rolle -, sondern zeigt den ungeschönten Lauf der Dinge als die Chronik einer Freundschaft. Der konsequente Verzicht auf Stilisierung bringt neben echten, widersprüchlichen Figuren auch Emotionen, die leider so blaß bleiben wie die Bilder.

Dies stellt mehr Lees Eigenart dar: wie auch der fast gleichzeitig startende Kritikerliebling "Tiger & Dragon", neben dem "Ride With the Devil" nahezu verdrängt wird, penetriert Lee weder mit Inhalt, Bildern noch Gefühlen. Dieser vornehme Verzicht auf vorgefertigte Attraktionen verlangt mit seinem Understatement, seiner Distanziertheit auch einiges Entgegenkommen vom Zuschauer, belohnt aber mit einer differenzierten Sicht auf unangenehme Ereignisse, die kaum ein gutes Haar am verklärten Geschichtsmythos der Amerikaner lassen.

Robert Knapp


Ang Lees Western mit dem Auge eines Unbeteiligten löst den schwierigen Anspruch, den Bürgerkrieg der USA aus südstaatlicher Sicht zu zeigen, hervorragend. Nur wenige Schwächen bei der Übertragung des Romans auf die Kinoleinwand halten den wunderbar photographierten und fantastisch besetzten Film davon ab, ein wirkliches Meisterwerk der intelligenten Unterhaltung zu werden.

Wie kaum ein anderer Film der letzten Jahre setzt "Ride with the Devil" extrem viel Verständnis und Interesse am Thema bei seinen Zuschauern voraus. Die Geschichte des einfachen Immigranten, der aus Loyalität mit seinem aristokratischen Freund gegen die nordstaatliche Armee kämpft, fordert ein gewisses Wissen, aber auch Offenheit. Denn Ang Lee zeichnet nicht das Standardbild der sklavenhaltenden, bösen Südstaatler gegen die heroischen Yankees. Er machte es schwerer, indem er den südlichen Partisanen, den sogenannten Bushwakers, zwei widersprüchliche Figuren zuordnet. Sowohl Jake, der Deutsche (Tobey Maguire), als auch der mitkämpfende Schwarze Holt (Jeffrey Wirght) scheinen eigentlich nicht zum Süden zu passen. Sie verbindet mit dem Staatenbund recht wenig, bei Beiden ist es eher ein Bund, der aus der Freundschaft entspringt. So folgt Holt George Clyde (Simon Baker) und Jake seinem besten Freund Jack Chiles (Skeet Ulrich). Scheint das Verhältnis zwischen Jake und Jack fast geklärt, so bleibt Holt geheimnisvoll. Der Film bezieht seine ganze Kraft aus den manchmal widersprüchlich, dann wieder vollkommen verschlossen wirkenden Figuren. Ang Lee löst dies hervorragend auf, indem er -ganz typisch- gar nicht erst versucht, alles zu erklären. Er bleibt immer im Hintergrund.

Überhaupt zeichnet sich die Regie dadurch aus, dass man sie während des Films kaum bemerkt. Dabei leistet Lee einiges. Er schafft seinen Schauspielern Raum, so dass sie -allen voran Maguire und Wright, aber auch Jewel als die sehr wichtige, starke Frauenfigur- ihren Figuren unendlich Facetten verleihen. Der ganze Film steht auf den Schultern der Figuren, die Story selbst scheint zurückgedrängt. Lee nutzt sie eher dazu, einen interessanten Rhythmus zu erzeugen, der immer mehr an sich zu reißen scheint. Er nutzt dafür die lauten Kampfszenen, die er fulminant und mitreißend, dabei aber nie reißerisch in Szene setzt, und mehrere äußerst harte Gewaltszenen, um mit den sehr ruhigen Charakterszenen, die fast schon kammerspielartig daherkommen, ein Wechselspiel zu erzeugen, dass Langeweile verhindert und Interesse schürt. Hier spielt auch die sehr gute Musik von Mycheael Danna eine wichtige Rolle.

Ang Lee arbeitet mit wunderbaren Bildern und holt aus allen Darstellern das Beste raus. "Ride with the Devil" ergibt so ein spannendes Zeitportrait. Leider merkt man dem Film etwas zu stark an, dass Ang Lee stärker darin ist, Charaktere und Szenen aufzubauen. Die gesamte Geschichte leidet ein wenig darunter, dass das Drehbuch die komplexe Vorlage manchmal zu wenig umstrukturiert hat. So tauchen manche Personen ganz kurz in einer Szene auf und verschwinden dann ganz schnell wieder. Dies stört den Gesamtrhythmus des Filmes ein wenig. Dennoch bleiben die Stärken, nämlich Atmosphäre und Figuren, sehr stark haften. Wer gerne im Kino etwas erfährt und auch ein wenig mitdenken möchte, für den ist Ang Lees "Ride with the Devil" Pflichtprogramm. Kaum ein Film hat die letzten Jahre so zurückhaltend erzählt.





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