VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Idioten (1990)


Kritik 1:
Auf der Suche nach ihrem "inneren Idioten" benimmt sich eine skurrile Wohngemeinschaft junger Leute wie eine Gruppe geistig Behinderter, löst sich von gesellschaftlichen Konventionen und stellt die Toleranzbereitschaft ihres Umfelds auf die Probe: Lars von Triers provokantes Filmexperiment ist nach Thomas Winterbergs "Das Fest" der zweite nach den Regeln des Dogma 95 hergestellte Film, und das bedeutet: keine Studios, keine Nachvertonung, keine Filmmusik. Die fundamentalen Regeln dieses cineastischen Keuschheitsschwurs sind dabei wie geschaffen für diese erbarmungslos wahrhaftige, im Dokumentarstil gefilmte Darstellung eines bizarren Gruppenexperiments, das die Welt des "weisen Narren" der konventionellen Gesellschaft gegenüberstellt.

Die Revolution der Idioten aber ist der Bürgerlichkeit nicht wirklich überlegen - das Paradies der Narren bleibt eine Illusion. Lars von Triers mit einer digitalen Videokamera aus der Hand gedrehter Film besticht durch seine atemberaubende Authentizität und ein grandioses Ensemble hierzulande unbekannter Darsteller, die sich bis zur Selbstaufgabe innerlich - und in kurzen Hardcore-Szenen schließlich auch noch äußerlich - entblößen: Kino für Fortgeschrittene.

Rico

Kritik 2:
Tja, so schnell kann das gehen. Noch vor ein paar Monaten wurde das Manifest einiger dänischer Filmregisseure -"Dogma 95"- gefeiert als die Innovation des Kinos der 90er Jahre, als ein mutiger Schritt in vermeintlich neue, unschuldige Bilderwelten. Die so sprachen und meinten hatten ein gutes Argument auf ihrer Seite. "Das Fest", Thomas Vinterbergs Meisterberg, war eine Film, der sich dem rigiden Reglement es Dogma unterworfen hatte und gerade aus der extremen Reduktion der formalen Mittel seine wuchtige, in sich stimmige Kraft gewonnen hatte.

Doch kaum ist der Höhenflug richtig wahrgenommen, kommt schon der Absturz. Überraschend daran ist vor allem, der er dem Initiator des Dogma und Großvesir des nordeuropäischen Kinos, Lars von Trier, unterlaufen ist. "Idioten" ist von Triers erste Arbeit fürs Kino nach "Breaking the Waves", dazwischen lag die zweite Staffel von "The Kingdom".

Der Film geht von der technischen Beschränkung weit über die Vorgaben des Dogma hinaus. Das geht so weit, daß mitten in Szenen die Schäfe nachgezogen wird, das die Tonangel im Bild ist und ein teilweise willkürlicher Schnitt jedweden Bilderfluß verhindert. Genau das ist Sinn der Sache, wird da vermutlich Lars von Trier sagen. Völlig unklar allerdings bleibt, wem oder was dies nutzen soll. Des Zuschauers Interesse am filmischen Geschehen wird damit freilich mitnichten gesteigert. Über weite Strecken hinterläßt "Idioten" den Eindruck einer selbstzweckhaften Stümperei auf Homevideo-Niveau. Da paßt es dann absolut ins Bild, daß der Regisseur (wobei dem Film eine irgendwie erkennbare Regie-Handschrift völlig abgeht / sicher auch gewollt) geradezu stolz berichtet, das Drehbuch in vier Tagen geschrieben und selbst Kamera geführt zu haben.

Apropos Drehbuch: Eine Gruppe junger Leute (früher hätte man pauschal gesagt Studenten) hat sich auf dem Landgut des Onkel von einem Mitglied eingenistet. Um die eigenen Grenzen auszuloten und die Toleranz der Nachbarn auf die Probe zu stellen, wird ein Gruppenexperiment initiiert. Es wird gespielt: Geistig Behinderte und Betreuer. In Verrenkungen lallend, schreiend und sabbernd streift die Gruppe durch die Gegend. Die Nachbarn reagieren auf unterschiedliche Art und Weise verstört. Im Laufe der Zeit werden die Spielchen der Gruppe immer provozierender, und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Kommune ihr Experiment zu entgleiten droht.

Der Film gestaltet sich als lose Abfolge von einzelnen Sequenzen. Einige davon sind leidlich gelungen und erfüllen ihren Zweck als kalkulierte Bürgerschrecks-pose. Die Mehrzahl der Szenen ist jedoch schlichtweg naiv und pubertär. Schwer zu sagen, was sich ein ausgewiesener Intelektueller wie Lars von Trier bei der Sache gedacht hat. Ist der Film über weite Strecken erstaunlich belanglos, so ändert sich dies am Schluß. Da nämlich scheint dem Dänen sein kurioses Projekt völlig aus dem Ruder zu laufen, denn er läßt "Idioten" in ein Finale müden, das geschmacklich fragwürdig oder, um es deutlicher zu sagen, einfach widerlich ist !




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.