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Kritik: My Name is Joe (1998)


Daß England das nach wie vor aufregendste europäische Filmland ist, dürfte explizit politische Gründe haben. Die wichtigsten britischen Filme der letzten 10 Jahre sind alle - mal mehr mal weniger - direkte Reflexe auf den Thatcherismus, der nicht nur nach Meinung linksliberaler Künstler das Land verelendet hat. Die Vorkämpfer und -denker des neuen britischen Filmbooms, Mike Leigh und Ken Loach, zählen heute, nach 10 Jahren Pionierarbeit, fast schon zu den Veteranen der Bewegung. Was sie eint ist der würdevolle Blick auf die Verlierer der Dreiviertelgesellschaft. Wobei sich Ken Loach mit seinen beiden letzten Werken aus dem gesellschaftspolitischen Gegenwartsgeschäft nach Spanien bzw. Nicaragua abgesetzt hatte, um - ganz der aufrechte Sozialist - vergangene revolutionäre Umtriebe zu beleuchten.
Mit "Mein Name ist Joe" meldet er sich nun sozusagen an der Heimatfront zurück. Und auf der Insel (diesmal Glasgow/Schottland) hat sich nicht viel geändert. Trostlos geht es zu an der Peripherie der Großstadt, wo der Alkoholiker Joe Kavanagh eine überalterte und auch sonst alles andere als taufrische Thekenfußballmannschaft trainiert. Die z.T. erheblich aus den Fugen geratenen Herren tragen übrigens die Trikots der deutschen 74er Weltmeistermannschaft, was nur einer von zahlreichen zum Brüllen komischen Gags ist.

In Joes tristem aber immer aufrecht bewältigtem Alltag tut sich was, als er die Sozialarbeiterin Sarah kennenlernt. Da er als Arbeitsloser viel Zeit hat, hilft er ihr bei der Wohnungsrenovierung. Als ihn dabei ein Kontrollbeamter der Sozialversicherung, der einen illegalen Zusatzverdienst wittert, fotografiert, zeigt Joe fantasievolle Kämpferqualitäten. Bei einem gemeinsamen Kegelabend mit Sarah kommt sich das ungleiche Paar näher, und durch einen glücklichen Zufall werden sie gezwungen, die Nacht gemeinsam zu verbringen.
Kaum in Schwung gekommen, umwölkt sich das Glück der beiden auch schon. Ein Freund von Joe hat über seine drogenabhängige Frau Ärger mit dem lokalen Dealer. Joe erklärt sich bereit zu helfen. Darüber kommt er jedoch nicht nur mit dem eigenen Gewissen in Konflikt, sondern vor allem mit Sarah, die das perfide System des Gangsters, sich Abhängigkeiten aufzubauen, durchschaut. Plötzlich stehen alle Beteiligten mit dem Rücken zur Wand, und Joe sieht die Lage gar so aussichtslos, daß er sich eine Flasche Schnaps kauft.

Man muß durchaus nicht ein romantischer Schwärner fürs subproletarische Milieu sein, um es als Erholung zu empfinden, im Kino einmal richtige Menschen und keine gelackten Kunstfiguren vorgesetzt zu bekommen. Die Genauigkeit und Liebe mit der Loach seine Protagonisten zeichnet hat etwas zutiefst anrührendes. Und die Liebesgeschichte, die er Joe und Sarah gönnt, ist mit Abstand die schönste und ehrlichste des Jahres.
p.s.: Gern würd ich an dieser Stelle ein paar Worte über das Ende des Films verlieren. Da dies dann freilich zumindest zum Teil verraten werden müßte und die Spannung, was den Ausgang der Geschichte anbelangt, enorm ist, verkneife ich’s mir... Ungern allerdings.




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