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Die Farbe der Lüge
Die Farbe der Lüge
© Concorde

Kritik: Die Farbe der Lüge (1999)


Der Mann sitzt im Bistro um die Ecke. Er trinkt gerade sein Lieblingsgetränk. Ein gemütlicher Moment voll französischer Poesie. Die Kommissarin kommt zu ihm, sie setzt sich. Sie weiß es. Ja, er war es, er hat die Mädchen in der Umgebung vergewaltigt und die kleine Eloise umgebracht. Wer hätte das geahnt, so unscheinbar war er doch? Aber die Kommissarin hat ihn durchschaut. Nun fordert sie ihn auf, mit aufs Revier zu kommen. Natürlich, es muß ja kein Aufsehen geben. Ruhig geht es von Statten. Kaum eine Zeremonie, wie man sie bei Gangstern erwartet. Es ist ein eleganter Abschied von einer Lüge, von einem Problem, welches er sich selbst nicht zugestand. Er ist ein ekelerregender Mörder. Und nun wird er seiner Strafe entgegengehen. Ruhig, französisch. Warum hier dieses vermeindliche Ende steht? Weil es dem Film nicht wichtig ist. Der Mord an der kleinen Eloise, ihre furchtbare Vergewaltigung, sie sind nur die letzte Entartung in einem Netz aus falschen Fassaden und allen möglichen Lügen. Ein weiteres Mal, in seinem nunmehr 50ten Film,
führt uns Claude Chabrol in die Abgründe der Dorf- und Vorstadtgemeinden, in die Verstrickungen ihrer Bewohner. In einem vielschichtigen, wie spannenden Portrait entlarvt er jene, mit denen er schon so lange auf dem Kriegsfuß stand. "Die Farbe der Lüge" mag eine Essenz im Schaffen Chabrols sein, mit Sicherheit ist es aber ein äußerst gelungener Kommentar auf die Falschheit der Gesellschaft. Wer kennt das nicht? Da lädt man die holden Nachbarn zum Essen ein, und alles avanciert zum Wettstreit. Da stellt sich die Frau als allzu perfekte Hausfrau und Mutter dar, der Ehemann prahlt noch immer mit seiner höheren Beamtenlaufbahn. Man ist wer.
Es gibt kaum einen Schriftsteller, der nicht von solchen Taten, die wir seit den 70ern ausgestorben denken, bemängelte. Doch, so zeigt Chabrol, in bestimmten Kreisen findet sie noch Tag täglich statt, wenn auch in etwas subtilerem Rahmen. Noch schlimmer! Er geht davon aus, daß sogar eine Ehe nur durch bestimmte Lügen gehalten wird, die, wenn sie als solche erkannt werden, schnell zu einem Zusammenbruch der schwerlich zusammengezimmerten Idylle führen. In "Die Farbe der Lüge" sind es der seit einem Unfall behinderte Maler René und seine Frau Viviane. Er kann seit geraumer Zeit nicht mehr richtig arbeiten, da ihm die Inspiration fehlt und arbeitet deshalb als Zeichenlehrer. Kurz nach seiner Stunde mit Eloise wird diese nahe seiner Arbeitstätte ermordet aufgefunden. Ist er der Mörder? Man mag es nicht glauben, wie auch sein Frau nicht daran glaubt. Ihr Mann ist kein Mörder! Andere sind sich da nicht so sicher. Da ist zum einen die Kommissarin, jung, gerade aus Paris in der Provinz eingetroffen. Sie kennt niemanden, jeder ist verdächtig. René, ohne handfestes Alibi, natürlich im Besonderen. Doch stellt sich heraus, daß sie auch die beste Position hat. Denn innerhalb dieses Gebildes ängstlichem Unwissens zeigen sich die ersten Risse in den vorher so festen, ja unsichtbaren Fassaden bürgerlicher Lüge. Keiner kann jemandem trauen, die vermeindlich Bekannten sind auch nur unbekannt. Und wie es in solchen Zeiten der Unsicherheit ist, verfehmt man den, der am nächten zur Tat steht: René. Da ist noch ein vierter im Bunde. Auch er ist hochangesehen. Der typische Auszügler. Der Sohn, der in die große Stadt ging und mit dem Ferrari wieder zurückbrauste, die Taschen voller Geld. Hier heißt er Germain-Roland Desmont für den Meistbietenden einzusetzen versteht. Seine Meinung ist je nach Geld mal links, mal rechts einzuordnen. Auch hier offenbart sich eine Lüge: Denn man kann so dem Schriftlichem, dem scheinbar dokumentarischen Journalismus nicht mehr trauen. Weitaus schlimmer erscheint aber die
glänzende Fassade, die Germain-Roland um sich herum aufgebaut hat. Hinter seinem geldstrotzenden Designerstil hockt ein kleines Männchen, gierend nach Liebe, die er aber mit Sex zu verwechseln scheint. Zuneigung sucht er sich bei den schnell eroberten Frauen. Gerade versucht er sich an Viviane, die dem Ganzen auch nicht ganz abgeneigt scheint. Auch hier bauen sich wieder Lügen auf, wackelige zwar, die irgendwann einstürzen werden, aber Lügen. Es gelingt Chabrol mit einer spielerischen Leichtigkeit, die vielen Einzelepisoden zu einem wie gegossen erscheinenden Gebilde zusammenzukomponieren, ohne daß hierbei ein fahler Beigeschmack ensteht. Der Rhythmus stimmt, die langsame Geschichte entwickelt sich eindringlich, während der zurückhaltende Schnitt und die unaufdringliche Musik immer mehr an die Bilder fesseln. Diese sind das Herzstück dieses Films. Die Unsicherheiten entstehen fast ausschließlich aus der Korrespondenz zwischen Kameraarbeit und Schauspiel. So zieht die Kamera manchmal in eine fast schmerzhafte Nähe zum Ehepaar, wie sie sich halten, umarmen: ein zarter Kuß. Gleichzeitig aber zerrt das kalte Blau des Hintergrunds an den Nerven. Die Schauspieler, allesamt herausragend, suggerieren eine weitere Ebene. Ist die Nähe nur vorgetäuscht, verbirgt sich etwas hinter den Fassaden? Paßt sie nicht dazu, oder gehört es gar dahin, diese Fassade, selbst zwischen Liebenden? Es sind unschöne Fragen, die auch den Zuschauer auf eine Distanz ziehen. Er ist einem seltsamen Wechselspiel ausgesetzt.
Zum einen ist er weit entfernt, zum anderen aber wähnt er sich auch einbezogen, ja zugehörig. Er ist gespalten, wie auch die Kamera, die erst aus tiefer Untersicht fast schon diabolische Bilder von René erzeugt und ihn dann wieder von oben als Opfer kennzeichnet. Nähe und Distanz, Opfer und Täter, sie sind alle näher als man denkt.
"Die Farbe der Lüge" ist kein einfacher Filmgenuß, er ist aber eine äußerst spannende, reflexive Studie zum Thema der Gesellschaftslüge. Er macht uns unsere täglichen Lügen, die wir benötigen, um mit anderen Menschen klar zu kommen, schmerzhaft bewußt. Dabei nimmt Chabrol sich selbst nicht heraus. Er und seine Kamera lügen ebenfalls, und sie sind sich dessen bewußt. Zu klar, zu penetrant sind dazu die Extremeinstellungen eingesetzt, die den Zuschauer in eine bestimmte Richtung führen. Aber auch dies macht Chabrol seinen Zuschauern offensichtlich.




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