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Kritik: Die Asche meiner Mutter (1999)


„Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit.“ Mit diesem Satz beginnt „Die Asche meiner Mutter“, Alan Parkers werknahe Verfilmung des gleichnamigen autobiografischen Romans von Frank McCourt.

Das Unglück ist Programm und Parkers Film ein endloses Martyrium. Der profilierte Regisseur („Midnight Express“, „Birdy“, „Evita“) versetzt uns in ein schmuddeliges Armenhaus und breitet ein Panoptikum des Elends aus. Es fehlt einfach an allem – bloß Nachwuchs gibt es reichlich in McCourts Familie, auch wenn der meist nicht lange überlebt. Zur Kommunion gibt's Zeitungsschnipsel auf die Zunge, und die kaputten Schuhe seines Sohnes flickt der mittellose, trinksüchtige Vater mit einem altem Fahrradschlauch.

Die Armutsmasche wird von Parker so dick aufgetragen, dass man als Zuschauer das triste, hoffnungslose Treiben auf der Leinwand zunächst angewidert und schließlich gelangweilt über sich ergehen lässt. Es fehlt an Menschlichkeit und Anteilnahme – das große Manko dieses aufwändig gemachten Dramas.

Der Film versinkt im Selbstmitleid, der Knabe – seinem Schicksal weitestgehend hilflos ausgeliefert – wird zum Märtyrer ohne Gefolgschaft: Der Vater ist ein Trinker, seine Mutter Kettenraucherin; Gewalt und Ignoranz und Heuchelei bestimmen die Geschichte, die sich tagein, tagaus in widerwärtigen Details zu wiederholen scheint.

Da wirkt es wie eine Erlösung, dass sich der junge Frank als Teenager von seinen Armutsfesseln löst und eine Love-Story mit einem Hauch Humor und Leichtigkeit den Menschen auf und vor der Leinwand Hoffnung gibt. Doch halt, zu früh gefreut: Franks Angebetete muss an der Schwindsucht sterben.

Asche zu Asche.

Rico Pfirstinger

Frank McCourts autobiographischer Roman ist ein Phänomen. Wann hat sich schon mal ein literarisches Debüt im Laufe weniger Jahre über 10 Mio. mal verkauft. Dabei ist das Buch alles andere als effekt- bzw. publikumsheischend. Keine glanzvolle Geschichte wird erzählt, sondern unglaubliches Elend beschrieben, und dies mit einem Tonfall, der sich nie darin suhlt, sondern stets einen lyrischen Schwebezustand wahrt und selbst in tiefster Verzweiflung noch Heiterkeit findet.

Einer potentiellen Verfilmung waren also von Anfang an diverse Fallstricke ausgelegt. Dass sich nun Irlandspezialist Alan Parker an der Vorlage versuchen würde lag durchaus nahe. Nicht jedoch, dass der Routinier aber auch in jede der ausgelegten Fallen mit erstaunlicher Zielstrebigkeit treten würde.
Das Drehbuch bleibt eng am Roman, und da der weniger eine sich entwickelnde Geschichte, sondern Zustände beschreibt, tut dies auch der Film. Ein Film ohne Geschichte, weit über zwei Stunden, das funktioniert aber leider nicht. Es hält den Zuschauer auf Distanz, was das schlimmste ist, was ausgerechnet diesem Stoff passieren kann. Man schaut sich das Fiasko unbeschreiblicher Armut an und bleibt merkwürdig unbeteiligt. Dies hängt natürlich ebenso zusammen mit einem (voraussehbaren) weiteren Fehler Parkers, nämlich dem, das Elend in "Zuckerguss" zu packen. Prächtige Hochglanzbilder von völlig verkommenen Slums, das lädt einfach nicht zum nötigen Mitleid ein.

Hinzu kommt eine gewisse Beliebigkeit in der Charakterzeichnung: Der fatale Alkoholismus des Vaters und die an Selbstaufgabe grenzende Leidensfähigkeit der Mutter. Beides prägende Persönlichkeitsmerkmale, die im Film jedoch mehr behauptet, als entwickelt und in eine Geschichte eingebunden werden.
Ziemlich unstimmig auch, dass die Kinder zwar "elendsgerecht" ausgestattet und entsprechend verschmuddelt sind, die Eltern jedoch meistens sauber, um nicht zu sagen adrett daherkommen. Vor allem wenn Emily Watsons Lippenstift allzu deutlich hervorsticht, glaubt man seinen Augen kaum zu trauen.
So bleiben nur wenige Momente, die das tun, was der ganze Film leisten sollte, die Zuschauer berühren. Wie z.B. die Situation in der der Heranwachsende Frank sich der Lächerlichkeit seines Vaters bewusst wird und dies gleichzeitig als endgültigen Verlust von Liebe empfindet. Hier wird einen kurzen Augenblich deutlich, was für ein wunderbarer Film "Die Asche meiner Mutter" hätte werden können. Die drei verschiedenen Darsteller des Frank in den Altersstufen 5, 10 und 15 Jahre sind jedenfalls fantastisch.

Somit bleibt unterm Strich eine auf den ersten Blick widersprüchliche Erkenntnis. Ausgerechnet mit seiner bei aller Schwäche jederzeit ambitionierten und immerhin auf durchaus ansprechendem Niveau gescheiterten Literaturverfilmung hat Alan Parker die (zumindest auf künstlerischem Gebiet) Überflüssigkeit solcher Filme unter Beweis gestellt. Die unvergessenen Bilder, die sich im Kopf des Lesers bei der Lektüre konstituiert haben, stellen sich im Kino als regelrecht kaputtgefilmt dar.

Thomas

--Die Trauer einer Jugend--

Alan Parker: einer der Garanten des interessanten Kinos, des Versuchens und vor allem der visualisierten Liebe zum Medium. Sein jüngster Film ist eines der etwas konventionelleren Projekte, aber auch eine funktionierende und herzzerreißende Geschichte.

Der kleine Frankie, dem wir beim Erwachsenwerden zuschauen, lebt in einer armen, irischen Familie. Zu Beginn des Filmes ist er noch in New York, wo seine kleine Schwester geboren wird, nach kurzer Zeit aber verstirbt. Seine Mutter Angela verkraftet den Tod nicht, und so müssen er und seine drei kleineren Brüder mit den Eltern zurück nach Irland, wo der Hunger und die Armut die Bevölkerung zerfressen. Auch seine Familie wird hieran zerbrechen, und es geht vor allem darum, wie sich Frankie wieder durchschlagen kann.

Dabei hat es der kluge Junge denkbar schwer. Sein Vater ist Nordire, was ihm im streng katholischen, freien Irland alle Türen verschließt. Gefrustet versinkt er im Suff, was ihm dann auch die letzten Allmosenjobs verbaut. Gleichzeitig sterben die jüngsten Kinder immer wieder weg. Vor allem das nasse Klima, welchem die bettelarme Familie nicht ausweichen kann, macht den kleinen Lungen zu schaffen. Als der Vater später dann ganz Richtung England verschwindet und nicht einmal mehr die Gehaltschecks herübertelgraphiert, wird es noch enger. Die Familie zerbricht, und es ist an dem immer älteren Sohn, sich selbst zu retten.

Diese deprimierende Geschichte ist geradezu prädestiniert für einen düsteren Autorenfilm alteuropäischer Schule. Dennoch verkommt er nie zum rein dunkelmütigen Angriff. Das traurige Gesellschaftportrait, welches Alan Parker vor uns ausbreitet, ist ein pointiertes Filmerlebnis geworden, eine gelungene Mischung aus traurigem Realismus, augenzwinkernd makaberen Seitenhieben auf den irischen Katholizismus, den Hass auf den Norden, extreme Schulmethoden der Zeit und einer melancholischen Rückbesinnung auf das Erwachsenwerden.

Dennoch will ich nicht den Eindruck entstehen lassen, dieser Film sei ein unterhaltsam-komisches Stück Kino. In seiner Grundstimmung bleibt er unendlich traurig, was vor allem auf die dunklen Bilder (es regnet fast ausschließlich) und die wunderbar-deprimierte Musik zurückzuführen ist. 'Angela's Ashes' findet einen Grundton, der der Situation seiner Hauptfiguren entspricht, lässt aber eben auch Seitenhiebe zu, die mal mit einem Schmunzeln, mal gar mit einem von zynischer Bitterkeit begleiteten Lachen gekennzeichnet ist.

Diese Ambivalenz zeichnet "Angela's Ashes" aus. Alan Parker lässt sich nie dazu herab, ein Pamphlet zu zeichnen. Ihm geht es eher um die Zeit und eben um die Tücken des Erwachsenwerdens in den ärmsten Bereichen aller Kulturen. Dazu zeigt er mit der damals schon brisanten Streitsituation in Irland, wie blind und gemein der Hass war und auch ist. "Angela's Ashes" ist in vielerlei Hinsicht ein Film, der nicht nur von Vergangenem berichtet, sondern zugleich auch Fehler unserer Zeit aufzeigt. Das irische Leben ist ein Leben der Bigotterie. Nicht nur im kirchlichen Sinne, auch wenn die Kirche für die meisten Seitenhiebe genutzt wird, sondern ebenso in jedem gesellschaftlichen Sinne. Die Engländer werden gehasst, ebenso wie die Nordiren. Dazu hasst man noch die Amerikaner, usw., usw. Dennoch will man sich als weltoffen und sympathisch sehen. Wenn auch vielleicht im kleineren Rahmen: Dieses Denken hält bis heute an.

In seinen besten Momenten lässt uns "Angela's Ashes" in eine Welt einsteigen, die sehr nahe an dem ist, was wir auch häufig spüren. Es gibt universelle, menschliche Probleme mitzuverfolgen, deren Lösung durch die Armut nicht gerade verkleinert werden. Ebenso wenig durch die Stellung, die wir durch die Kamera mitbekommen: Wir sind immer vor ein ambivalentes Bild gesetzt. Selbst der Vater, der die wenigen Gelder, die die Familie hat, in Alkohol umsetzt und seine Kinder am Ende sogar im Stich lässt, hat seine guten Seiten. Er verdient unser Mitleid, nicht nur unseren Hass, wenn er hilflos in der Ecke sitzt, mit ehrlichen Gefühlen seiner Frau und seinen Kindern gegenüber.

Alan Parker versteht dies meist in sehr schöne und angemessene Bilder zu verpacken Nur selten sticht der Filter vor der Kamera zu weit hervor und macht seinen psychologischen Nutzen zu deutlich. Dann denken wir nicht mehr in Düsternis, wir denken über sie nach. Diese Momente sind aber schlussendlich sehr selten. Vor allem am Anfang machen sie es einem etwas schwer, in die Handlung hineinzukommen. Ganz anders als die Musik von John Williams, der mit seinen melancholisch-traurigen Geigenstücken einen sehr guten, wirklich reminiszent wirkenden Rahmen aufbaut. Somit ist dies auch ein reminiszierender Film, der Film über eine traurige Kindheit, die eben auch ihre schönen Momente hatte, wenn die kleinen Jungs im Kino die großen Hollywood-Filme voller Freude betrachten durften.

P.S.: Ich habe das Buch nicht gelesen. Dennoch hat mich die Geschichte als Film berührt. Das beste Zeichen, dass hier alles für sich funktioniert.




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