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Bringing Out The Dead - Nächte der Erinnerung
Bringing Out The Dead - Nächte der Erinnerung

Kritik: Bringing Out The Dead - Nächte der Erinnerung (1999)


"Bringing Out the Dead" ist höchstens auf den ersten Blick die düstere Tragödie eines Rettungssanitäters. Martin Scorseses rabenschwarzer Film nach einem Drehbuch von Paul Schrader ist ein rasanter, halluzinatorischer Höllenritt durch die Stadt der Verdammten, ein überdrehter Trip in eine gottverlassene Welt. Als würde Terry Gilliam eine Folge von "Emergency Room" in Szene setzen.

Das brillant montierte, audiovisuelle Meisterwerk hat eine raue Oberfläche, unter der es vieles zu entdecken gibt. Frank Pierce ist der von Nicolas Cage traumwandlerisch gespielte (Anti-)Held des Films: ein ausgebrannter Sanitäter, der schon seit Wochen keinen Menschen mehr gerettet hat. Die Geister der Verstorbenen verfolgen ihn – vor allem der von Rose, einem Latino-Mädchen, das an Franks Halstubus erstickte. Frank möchte ihre und die eigene Seele retten – und taumelt dabei, von Robert Richardsons genialer Kamera ins rechte Licht gerückt, durch die Horrorlandschaft einer surrealen Neonstadt. Welcome to New York!

Trotz oder gerade wegen der perfekten Inszenierung hinterlassen beide Hauptdarsteller wenig Eindruck: Nicolas Cage und seine Ehefrau Patricia Arquette agieren ausdrucksarm und beinahe ohne Emotionen. Ving Rhames, Tom Sizemore und John Goodman machen als Franks Partner bei den nächtlichen Rettungsfahrten eine bessere Figur.

Martin Scorsese weiß um die Absurdität und Sinnlosigkeit von Tod und Wahnsinn. Trotzdem ist "Bringing Out the Dead", entgegen seiner scheinbar nihilistischen Betrachtungsweise unserer Welt, ein religöser Film, den man sehr gut in eine Reihe mit Paul Schraders und Scorseses früheren Werken stellen kann.

"Taxi Driver", das erste gemeinsame Projekt der beiden streng christlich erzogenen Filmemacher, behandelt den Konflikt zwischen dem beinahe mittelalterlichen Spiritismus ihrer Jugendzeit und dem zügellosen Hedonismus im Amerika der 70er-Jahre: Vergeblich wartet Travis Bickle (Robert De Niro) auf ein Zeichen seines Gottes, der die Bösen bestrafen und den Abschaum aus den Straßen von New York entfernen soll. Dann stellt sich ihm die Frage, die typisch für all jene Menschen ist, die dabei sind, ihren Glauben zu verlieren: Warum soll man Gutes tun, wenn nichts und niemand über einen richtet? Bickles radikale Lösung dieser Glaubenskrise besteht schließlich darin, sich an Gottes Stelle selbst mit der Bestrafung des Gesindels zu befassen.

In "Wie ein wilder Stier" verarbeiteten Schrader und Scorsese den Mythos der Kreuzigung, indem sie einen Preisboxer an Jesus Christus Stelle setzten und den Boxring in Jake LaMottas (wieder Robert De Niro) privates Golgotha umfunktionierten. Und in "Die letzte Versuchung Christi", ihrem wohl am meisten missverstandenen Film, erklären sie die Göttlichkeit von Jesus Christus, indem sie dessen Menschlichkeit auf Erden (und die damit verbundenen Schwächen) gnadenlos betonen – Versuchungen, die Christus mühsam überwinden muss, um sein Schicksal als Messias zu erfüllen.

Gegenüber "Wie ein wilder Stier" und "Taxi Driver" werden in "Bringing Out the Dead" die Verzweiflung und die Seelenqualen früherer Scorsese/Schrader-Helden um ein neues Element bereichert: Inmitten von Gewalt und Tod agiert Frank Pierce als Engel der Barmherzigkeit. Er weiß genau, dass er die Welt nicht retten kann – und doch versucht er es. War "Taxi Driver" Travis Bickle Gottes strafende Hand, nimmt Rettungssanitäter Pierce in "Bringing Out the Dead" die Rolle des Erlösers ein – nicht weil er geisteskrank, verblödet oder dem Größenwahn verfallen ist, sondern weil irgendwer die Arbeit schließlich machen muss.

Martin Scorsese und Paul Schrader verarbeiten in "Bringing Out the Dead" die religiösen Traumata der eigenen Kindheit auf profunde, faszinierende Weise und führen uns in eine rabenschwarze, beinahe absurde Welt, in der von Göttlichkeit nicht viel zu spüren ist. So honoriert der Film zwar auf der einen Seite Güte, Mitgefühl und Selbstaufopferung, zählt auf der anderen Seite aber auch die toten Körper derer, die dabei auf der Strecke bleiben.

Rico Pfirstinger

---Von Angst und Gnade---

Manchmal gibt es Filme, die in zwei Teile zerfallen, und deren einer Teil mit dem anderen nicht zusammenläuft. Leider ist "Bringing Out the Dead", der neue Film von Martin Scorsese, so einer. Dies ist umso mehr schade, da der Regisseur, einst eine Ikone des Kinos, dessen Filme niemand verpassen wollte, schon lange niemanden mehr in die Kinos lockt. Und ein Publikum hat "Bringing Out the Dead" trotz seiner unübersehbaren Schwächen doch verdient, denn viele Stärken wiegen das Schlimmste wieder auf.

In vielerlei Hinsicht mag man "Bringing Out te Dead" von allen Filmen Scorseses "Taxi Driver" am nächsten stellen. Denn mit diesem Meisterwerk aus den 70ern hat der neue Film am meisten zu tun. Nicht nur, dass wieder Paul Schrader das Drehbuch schrieb, auch die visuelle Umsetzung und natürlich das nächtliche New York erinnern an gerade diesen Film. Wie einst Robert DeNiro ist hier Nicholas Cage als der Rettungssanitäter Frank auf einer Irrfahrt durch das fast schon biblisch erhobene, urbane Chaos der Vorhölle Großstadt. Nur ist er hier nicht dabei, das Chaos zu beobachten, er bekämpft es mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln. Zusammen mit seinen Kollegen versucht er so viele Leben zu retten, wie es nur möglich ist.
Leider ist er aber nicht mehr mit der Hoffnung ausgestattet, die man in seinem Job braucht. Er ist kaum noch fähig, seinen Beruf auszuüben. Ihm ist es schon lange nicht mehr gelungen, einem Menschen das Leben auch wirklich zu retten. Dieses, so sagt er selbst, ist die Droge, die er braucht. Ein Menschenleben zu retten, das gäbe ihm ein schier unglaubliches Hochgefühl.

Nun aber wird er von dem Gesicht eines 18jährigen Mädchens verfolgt, welches er nicht hatte retten können. Dazu umgibt ihn ein Haufen von Müll und Selbstverhängnis. Immer neue Drogenleichen, Erschossene, Geisteskranke und ähnliche Menschen aufzusammeln, die niemals eine Besserung zeigen, das frustriert. Als er eines Tages einen Mann mit Herzinfakt auflesen soll, gerät alles außer Kontrolle. Er scheint den Mann zu retten, doch bleibt seine Lage instabil, dazu liegt ihm die Familie des alten Mannes, und da vor allem die Tochter, sehr am Herzen. Es beginnt ein noch tieferer Fall, der Amoklauf eines Engels: Die Lethargie und der Frust.

Die erste Stunde von "Bringing Out the Dead" ist einer dieser Glücksstunden des Kinos. Sie ist in ihrer Emotionalität vollkommen wahr, etwas, was noch weit vor jeder Art von Realität steht. Wir können in die Figur des Frank einsteigen, wir fühlen wie er, an manchen Punkten denken wir gar wie er. Durch die wunderbare Kameraarbeit werden wir immer darauf aufmerksam gemacht, was einen Sanitäter so alles interessiert. Wenn wir ihm die Treppe hinauf zu einem Notfall folgen, dann wird die Enge der Treppe klar in den Vordergrund gerückt. Wie kommt man da mit einer Bahre wieder runter? Fragen, die wir uns nicht stellen würden, wären wir nicht so nahe am Geschehen.

Am interessantesten ist aber zu diesem Zeitpunkt, wie unglaublich einfühlsam der Geisteszustand des Sanitäters Frank dargestellt wird. Scorsese und Schrader geben vieles wieder, was Menschen in diesen Situationen fühlen: Die Bedrückung und der Frust, aber auch die Verdrängung alles Schlechten durch einfache Mechanismen. Hierbei spielen auch die drei verschiedenen Partner von Frank eine wichtige Rolle. Denn während Frank sichtlich niedergeht, sich selbst als gescheitert sieht, kommt jeder andere auf seine Weise mit dem Leben klar. Der eine flüchtet sich in die Religion, und sieht eben das gerettete Baby von den Zwillingen, die sie bei einer Notgeburt zur Welt bringen. Der nächste ist wütend und versucht diese irgendwie zu katalysieren, und der letzte lebt sowieso nur noch von Mahlzeit zu Mahlzeit. Alle haben sie irgendwie abgeschottet. Nur einer kann wirklich ein gutes Leben damit leben, die anderen sind gescheitert. Keiner von ihnen hat mehr die Gefühle, die vor allen Frank ausmachen, sie alle haben sich selbst abgestumpft.

Es ist schon erstaunlich, wie sicher und elegant Martin Scorsese mit diesen komplexen Figuren und Situationen umgeht. Seine Kamera ist immer ein wenig subjektiv, fängt die nächtlichen Straßen New Yorks mit psychedelischen, zerstörerischen Bildern ein. Kurze Zeitlupen-Intermezzi zeigen, wie und wo Frank die Außenwelt aufnimmt, heben das Schlimmste, was die Stadt zu bieten hat, unerbittlich hervor. Gleichzeitig erzeugen sie eine gefährliche Hektik, vor allem die Szenen in der Notaufnahme sind herausragend gedreht und um einiges ehrlicher als alles, was das Fernsehen dazu zu bieten hat.

Dagegen steht aber die sich entwickelnde Geschichte von Frank. Vieles, was ihm in der zweiten Hälfte des Films passiert, wirkt bemüht konstruiert, meist sogar extrem symbolüberladen. Die wirklichkeitsnahe Ambulanz wird zum Schwerlasten-LKW umgebaut. Nicht nur, dass Frank mit der oben beschriebenen Situation Probleme hat, er muss auch noch Drogen nehmen und mit einem psychopathischen Kollegen klarkommen. Hier wäre weniger bei weitem mehr gewesen. Die Konstruktion wird diffus, die Geschichte unglaubwürdig. Vieles scheint nur halb durchdacht eingesetzt worden zu sein, manche, sehr gut beobachtete Aspekte dagegen werden kaum genug beachtet. Ich denke, dass die eine Geschichte um die Liebe zwischen Frank und der Tochter eines Patienten in rudimentärer Form genügt hätte, um den Alltag des Sanitäters zu erzählen. Jedes mehr an Story zerstört viele Momente der Wahrheit.

Dennoch möchte ich "Bringing Out the Dead" empfehlen. Er ist formal ein Meisterwerk, wie es nur Regisseure des Kalibers von Martin Scorsese erschaffen können. Dazu bietet er mehr als einmal ganz große Szenen. Er arbeitet heraus, wie schwierig es ist, Angehörigen das Bild des geschäftigen Lebensretters aufrecht zu erhalten, wobei man doch selbst in Zynismus und Hektik untergeht, sich nur durch ein emotionales Abschotten retten kann. Dies wirkt auf uns vielleicht grausam, vor allem wenn dann der Arzt am Bett eines im Koma liegenden Patienten Witze reißt. Im Endeffekt ist es aber doch die einzige Sache, die diesen Patienten das Leben rettet. Denn nur das macht es den Lebensrettern selbst möglich zu überleben. Scorsese erzählt uns also von echten Helden, und er erzählt davon, wie schwer es ist, ein Held zu bleiben.




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