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Kritik: So haben wir gelacht (1998)


Es heißt so häufig, im "Kunstkino" gäbe es keine Klischees. Daß dies nicht wahr ist, sieht man allzu häufig. Auch 'So haben wir gelacht' beginnt gleich mit einem Klischee: Giovanni wartet am Bahnhof, um von seinem kleinen Bruder Pietro abgeholt zu werden. Dieser ist da, will aber von seinem Bruder nicht gesehen werden. Mit leidendem Gesichtsausdruck lehnt er an einer Säule. Die Kamera filmt ihn dabei in Naheinstellung. Die eine Hälfte des Bildes nimmt der Junge ein, die zweite ist für den Hintergrund aufgespart, in dem Giovanni suchend herumirrt.
Häufig stören Klischees, auch das oben erwähnte wirkt wie ein Stich in die Magengrube. Doch dann gibt es sie eigentlich zu häufig. Meist werden sie, wenn man ihnen wohlwollend gegenübertritt, als "archetypisch" bezeichnet. Denn ein Klischee wird selten unbewußt eingesetzt. So ähnlich ist es auch mit 'So haben wir gelacht'. Oft fallen die Klischees nicht einmal negativ ins Gewicht, im Gegenteil, wir mögen sie sogar. 'So haben wir gelacht' ist der neue Film des italienischen Regisseurs Gianni Amelio, der durch seine Filme 'Gestohlene Kinder' und 'Lamerica' auch hierzulande Beachtung fand. Diese Filme waren politisch engagiert und äußersten sich auch zu Themen, die hierzulande von Interesse waren. Mit seinem neusten Film behandelt Amielo aber ein Thema, das sehr stark auf seine Heimat Italien beschränkt sein dürfte. Anhand der Brudergeschichte erzählt er vom extremen Kulturwandel Italiens während der Zeit der Spätindustrialisierung Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre. Seine beiden Hauptcharaktere dienen vor allem dazu, die Interessenverschiebungen zweier verschiedener Arbeitskasten zu umschreiben. Sie beide kommen vom Land und suchen in Turin neue Hoffnung. Der jüngere von Beiden, Pietro, wurde schon vorausgeschickt, da er als intelligent genug gilt und an der Schule lernen soll. Das Ziel, was seinem Bruder Giovanni, der als letzter Überlebender der Familie die Verantwortung trägt, ist es seinem Bruder die Laufbahn eines Lehrers zu verschaffen. Giovanni selbst kann weder lesen, noch schreiben, wie so viele vom Land. Pietro wehrt sich lange gegen die Vorplanung seines Bruders, muß aber lernen, daß er nur sein Wissen als Kapital hat. Govanni dagegen lernt in Turin schnell die Unterwelt kennen und schlägt sich als halblegaler Schlafplatz-Händler durch, bis er ganz dem Verbrechen zukommt.
Amielo verpackt seine Geschichte in sechs Kapitel, die immer ein Oberthema behandeln, dabei aber nie die Geschichte der beiden Brüder aus dem Blickfeld verlieren. Jedes Kapitel zeigt eine Facette der Zeit, ob nun ein Problem oder auch eine einfache Eigenheit. Dabei setzt er voraus, daß dem durchschnittlichen Zuschauer diese Facette schon bekannt ist, daß er sich erinnert, vielleicht ein flaues Gefühl in der Magengrube bekommt, während er den Protagonisten zusieht, wie sie es als vollkommen neu betrachten und einen Weg suchen, damit umzugehen. Dies wird einem deutschen Zuschauer wohl fern bleiben. Denn zum einen hat sich Deutschland gerade zu dieser Zeit vollkommen anders entwickelt, zum anderen geht Amielo auch auf viele rein Italien-spezifische Dinge ein, die wir so gar nicht kennen, es sei denn, wir kennen sie eben aus dem Kino, als Klischees.
Dafür eröffnet sich dem deutschen Zuschauer eine ganz andere Sichtweise, die Amielo so wahrscheinlich nicht einmal eingeplant hatte: Wir sehen diese Welt als eine fremde, aber faszinierende Variante des uns bekannten Urlaubslandes Italien. Hier wird wenig schöngemalt, vieles aber mit leiser Melancholie angesprochen, was wir so aus Italien gar nicht kennen wollen. Die Art und Weise der Bildgestaltung forciert dieses Gefühl noch. Hier werden Welten abgegrenzt, mit Hilfe extrem kalter Blautöne, oder auch warmen Rotlichtes, die sich über eine Bildgestaltung stülpen, die vor allem aus dreckigen Braun- und Grautönen besteht. Auf der Tonebene spielt dazu eine melancholische, fast schon unendlich traurige Musik, die so gar nicht zum fröhlichen Ton der Urlaubsmetropole passen will.
Dennoch wirken Kamera und Musik weithin wie Klischees. Beide scheinen wie die auf Italien umgemünzte Zusammenarbeit von Sergio Leone und Ennio Morricone bei 'Es war einmal Amerika'. Dennoch will sich am Ende bei all dem bitteren realistischen Ansatzes, der – im Gegensatz zur visuellen Umsetzung - dem italienischen Neo-Realismus entsprungen scheint, keine Resignation einstellen. Wir merken, wofür Pietro am Ende sein eigenes Leben fast aufgeopfert hat: Für die Familie seines Bruders. Ein weiterer Lichtschein, der Hoffnung bringt und uns zeigt, wie gut Klischees wirken können, wenn sie am Ende nur zum passenden Zeitpunkt gebrochen werden.





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