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Kritik: Juha (1999)


Juha ist ein hinkender Bauer, der mit seiner Frau Marja glücklich zusammenlebt. Plötzlich prescht Shemeikka mit seinem großen Rennauto in die Idylle hinein und hat dort auch noch eine Panne. Nun repariert Juha sein Auto. Aber anstatt froh und dankbar zu sein, versucht der Großstadtcasanova die junge Frau des Bauern zu verführen. Dies schafft er auch mit seinem aufgesetzten Charme und jeder Menge Geld. Er verspricht ihr, wiederzukommen und sie dann mit in die Stadt zu nehmen.
Dies alles erzählt Aki Kaurusmäki in der ersten halben Stunde, ohne daß nur ein gesprochenes Wort in den Publikumssaal hallt. "Juha" ist nämlich ein Stummfilm. Dies ist in zweierlei Hinsicht überraschend. Zum einen sind Stummfilme seit den 30er Jahren doch recht selten geworden, zum anderen handelt es sich bei "Juha" um die Verfilmung eines Romans des finnischen Nationalautoren Juhani Aho, der in sein Buch doch recht viele Dialoge einbaute.
Trotz des Verzichts auf Dialoge ist "Juha" aber keineswegs tonlos geblieben. Fast die vollen 78 Minuten Lauflänge wurden mit Musik unterlegt. Wenn mal keine Musik zu hören ist, so erschallt einer der seltenen, aber effektiv eingesetzten Toneffekte, wie das Röhren des Automotors oder der Schuß einer Pistole.
Dem Sujet entsprechend gestaltet sich die Musik sehr gefühlvoll und laut. Wie es im Stummfilm üblich ist, unterstützt sie jede Handlung der Figuren mit theatralischem Gehabe. Da "Juha" keine Komödie sondern eher ein Melodram ist, schauen Juha und Marja auch entsprechend sehnsüchtig in das Nichts und verleihen manchen Szenen eine recht eindrucksvolle Präsenz.
Doch leider bleibt es bei szenenhaften Qualitäten. Der Film schafft es nicht, eine durchgehende Struktur zu erhalten. Mit zunehmender Lauflänge wird klar, daß Kaurusmäki weniger einen kohärenten Film drehen wollte, als wild aus der Filmgeschichte zu zitieren. Dies bedingt häufige Stilwechsel, vor allem bei der Kamerainszenierung, die mit ihren Schwarz-Weiß Bildern zwischen dem deutschen Expressionismus der 20er Jahre und der französischen Nouvelle Vague hin und her springt. Auch die Schauspieler schwanken zwischen subtilem Minenspiel unserer Zeit und den ausladenden Gesten des Stummfilms.
Daher wirkt "Juha" zu keinem Moment wirklich fertig. Er funktioniert als ein zeitweise recht amüsantes "back to the roots"-Experiment und als Zitate-Suchspiel für Cineasten. Letzteren hat Kaurusmäki einiges zu bieten. Truffaut steht neben Fuller und Hitchcock. Fast jede Einstellung stammt aus einem Klassiker. Doch mag dies für einen ausgewachsenen Film nicht reichen. Als ernsthafter Versuch, einen Stummfilm zu drehen, hat "Juha" im Ganzen versagt. Als unterhaltendes Experiment mag er Filmkennern Spaß bereiten. Von den kraftvollen Kaurusmäki- Highlights ist er aber weit entfernt.





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