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Kubanisch Reisen (1999)

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Eine lange Warteschlange an einer Busstation in einer Stadt mitten auf Kuba. Emilio, ein junger arbeitsloser Ingenieur, trifft auf dem Busbahnhof auf einen blinden Mann und auf Jacqueline, eine junge Frau, die auf dem Weg nach Havanna ist, um die letzten Vorbereitungen für die Hochzeit mit ihrem Verlobten zu treffen. Alle warten und hoffen darauf, einen der wenigen Plätze in einem der Busse, die an der Station Zwischenstopp machen, zu ergattern. Denn der Bus, mit dem sie fahren sollten, ist liegengeblieben und muß repariert werden. Stunden über Stunden vergehen ...

Die Nacht ist schon angebrochen, als der Bus Richtung Havanna endlich repariert und abreisefertig ist. Für Emilio und Jacqueline, die sich auf Anhieb gut verstanden haben, ist es nun an der Zeit, sich zu verabschieden. Nach und nach nehmen alle Reisenden Richtung Havanna ihre Plätze ein, als im letzten
Moment der Bus nun endgültig zusammenbricht. Fernández, der Stationsvorsteher, ist verzweifelt und klärt die Wartenden darüber auf, dass der Bus in dieser Nacht nicht mehr repariert werden kann und die Busstation jetzt geschlossen wird. Wütend und enttäuscht wollen die Passagiere nach Hause gehen, aber Emilio schlägt vor, dazubleiben und den Bus einfach selbst zu reparieren. Die Reisenden nehmn diese Herausforderung an...


Filmkritik

Aus Kleinheit wird Größe, aus Trostlosigkeit erwächst ein Paradies – was Juan Carlos Tabio in seinem Film "Kubanisch Reisen" schildert, grenzt fast an ein Wunder. In einer verwahrlosten Busstation mitten in der kubanischen Pampa scheint nichts mehr zu gehen: Der Fahrbetrieb gerät ins Stocken und Castros Verkehrsbürokraten vor Ort halten die entnervten Passagiere mit wichtigtuerischen Durchsagen mehr schlecht als recht bei Laune. Als schnöde Kulisse für sein romantisches Märchen wählt Tabio eine in kommunistischen Landen typische Notstandssituation aus – das endlose Warten auf den nächsten Bus. Wie die bunt zusammengewürfelte Schar von Reisenden inmitten dieser Tristesse aus logistischem Unvermögen und abbruchreifer Bürokratie langsam zueinander finden, hat Tabio äußerst sensibel eingefangen. Stets dreht es sich um die Kleinigkeiten des Alltags: Während die wartende Menge Essen organisiert und Übernachtungsmöglichkeiten ins Auge fasst, entfaltet sich ein zutiefst menschliches und zärtliches Miteinander. Tabio versäumt es nicht, auch die kleinen Schurken und Ganoven in Szene zu setzen: Doch ob nun ein dickbauchiger Schnurrbart heimlich Proviant auf der Toilette hortet, oder ob ein anderer mit vorgetäuschter Blindheit an die heißbegehrten Bustickets zu gelangen sucht – stets obwaltet Tabios Regie mit beinahe zärtlicher Nachsicht und stellt die einzelnen Missetaten in das Licht sympathischer kleiner Gaunereien.

Wie auch die literarische Vorlage, die preisgekrönte Novelle "Lista de espera" von Arturo Arango, so kreist auch Tabios Film um dieselbe Botschaft: Jeder Mensch kann und muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Gerade das Versagen der Busbürokraten und das von ihr verschuldete Erliegen des gesamten Busverkehrs provoziert die versammelten Reisenden zur Solidarität. Aus einer Schnapsidee Emilios, der männlichen Hauptfigur des Filmes, entspringt plötzlich eine gemeinsame Vision: Warum nicht einfach in der Busstation bleiben und sich hier häuslich einrichten? Es gehört natürlich schon ein gutes Maß Ironie dazu, gerade in einem sozialistischen Land ein solches Mahnmal für echte Solidarität zu inszenieren. Doch liegt in der Art und Wiese, wie plötzlich die gesamte Reisegesellschaft mit anpackt und sich peu a peu in eine Art Familie verwandelt, weniger Traumtänzerei als vielmehr eine behutsam feinfühlige Romantik. Fast ebenso rasch wie die Charaktere untereinander, so freundet sich auch der Zuschauer mit den schrulligen Figuren an, die - jeder auf seine Art - etwas Nettes und Liebevolles bergen. Entsprechend behutsam verfolgt Tabio die zarte Liebesgeschichte zwischen Emilio und Jaqueline, die sich wie der gesamte Film ohne große Worte und spektakuläre Effekte entfalten kann. Mit der Schlussphase, als sich die gemeinsam zum Palast umgebaute Busstation plötzlich als ein Traum entpuppt, spricht sich die Regie von allzu verklärendem Idealismus frei. Umso schöner, als nach der kaum noch erwarteten Abfahrt des Busses die von Emilio geträumte Idylle in der Realität zarte Spuren hinterlässt. Mit dieser meisterlich gefilmten Erzählung betreibt Tabio die denkbar schönste Ehrenrettung für alle Tagträumer dieser Welt.




Filminfos & CreditsAlles anzeigen

Land: Kuba, Mexiko, Spanien, Frankreich
Jahr: 1999
Genre: Komödie
Länge: 106 Minuten
FSK: 0
Kinostart: 10.08.2000
Regie: Juan Carlos Tabio
Darsteller: Vladimir Cruz, Thaimi Alvarino, Saturnino Garcia
Verleih: Senator Film



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