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Kritik: Kubanisch Reisen (1999)


Aus Kleinheit wird Größe, aus Trostlosigkeit erwächst ein Paradies – was Juan Carlos Tabio in seinem Film "Kubanisch Reisen" schildert, grenzt fast an ein Wunder. In einer verwahrlosten Busstation mitten in der kubanischen Pampa scheint nichts mehr zu gehen: Der Fahrbetrieb gerät ins Stocken und Castros Verkehrsbürokraten vor Ort halten die entnervten Passagiere mit wichtigtuerischen Durchsagen mehr schlecht als recht bei Laune. Als schnöde Kulisse für sein romantisches Märchen wählt Tabio eine in kommunistischen Landen typische Notstandssituation aus – das endlose Warten auf den nächsten Bus. Wie die bunt zusammengewürfelte Schar von Reisenden inmitten dieser Tristesse aus logistischem Unvermögen und abbruchreifer Bürokratie langsam zueinander finden, hat Tabio äußerst sensibel eingefangen. Stets dreht es sich um die Kleinigkeiten des Alltags: Während die wartende Menge Essen organisiert und Übernachtungsmöglichkeiten ins Auge fasst, entfaltet sich ein zutiefst menschliches und zärtliches Miteinander. Tabio versäumt es nicht, auch die kleinen Schurken und Ganoven in Szene zu setzen: Doch ob nun ein dickbauchiger Schnurrbart heimlich Proviant auf der Toilette hortet, oder ob ein anderer mit vorgetäuschter Blindheit an die heißbegehrten Bustickets zu gelangen sucht – stets obwaltet Tabios Regie mit beinahe zärtlicher Nachsicht und stellt die einzelnen Missetaten in das Licht sympathischer kleiner Gaunereien.

Wie auch die literarische Vorlage, die preisgekrönte Novelle "Lista de espera" von Arturo Arango, so kreist auch Tabios Film um dieselbe Botschaft: Jeder Mensch kann und muss sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. Gerade das Versagen der Busbürokraten und das von ihr verschuldete Erliegen des gesamten Busverkehrs provoziert die versammelten Reisenden zur Solidarität. Aus einer Schnapsidee Emilios, der männlichen Hauptfigur des Filmes, entspringt plötzlich eine gemeinsame Vision: Warum nicht einfach in der Busstation bleiben und sich hier häuslich einrichten? Es gehört natürlich schon ein gutes Maß Ironie dazu, gerade in einem sozialistischen Land ein solches Mahnmal für echte Solidarität zu inszenieren. Doch liegt in der Art und Wiese, wie plötzlich die gesamte Reisegesellschaft mit anpackt und sich peu a peu in eine Art Familie verwandelt, weniger Traumtänzerei als vielmehr eine behutsam feinfühlige Romantik. Fast ebenso rasch wie die Charaktere untereinander, so freundet sich auch der Zuschauer mit den schrulligen Figuren an, die - jeder auf seine Art - etwas Nettes und Liebevolles bergen. Entsprechend behutsam verfolgt Tabio die zarte Liebesgeschichte zwischen Emilio und Jaqueline, die sich wie der gesamte Film ohne große Worte und spektakuläre Effekte entfalten kann. Mit der Schlussphase, als sich die gemeinsam zum Palast umgebaute Busstation plötzlich als ein Traum entpuppt, spricht sich die Regie von allzu verklärendem Idealismus frei. Umso schöner, als nach der kaum noch erwarteten Abfahrt des Busses die von Emilio geträumte Idylle in der Realität zarte Spuren hinterlässt. Mit dieser meisterlich gefilmten Erzählung betreibt Tabio die denkbar schönste Ehrenrettung für alle Tagträumer dieser Welt.




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