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Kikujiros Sommer
Kikujiros Sommer
© Wild Bunch

Kritik: Kikujiros Sommer (1999)


"Beat" Takeshi Kitano ist das, was man landläufig als Multimedia-Talent bezeichnet. Seit Beginn der 80er Jahre ist er im japanischen Fernsehen allgegenwärtig, eine kleine Rolle als brutaler Aufseher in "Furyo - Merry Christmas, Mr. Lawrence" machte ihn 1983 auch im Westen bekannt. 1989 übernahm er die Regie in einem brachliegenden Projekt und schuf nach einigen Veränderungen den Yakuza-Thriller "Violent Cop", ein vor Gewalt und Zynismus strotzendes Werk, das wegen seines ungewöhnlichen Stils wahre Begeisterungsstürme unter Cineasten auslöste. Auch die markanten Filme "Sonatine" und "Hana-Bi", der immerhin 1997 den "Goldenen Löwen" in Venedig gewann, blieben einen kleinem Kreis vorbehalten. Die schwerlich konsumierbaren Gewaltstudien würzte Kitano zunehmend mit makabren Humor und zugänglichen künstlerischen Referenzen.

Der Trend hält auch in "Kikujiros Sommer" an, einem liebevollen Roadmovie um die Freundschaft zwischen dem engstirnigen Yakuza Kikujiro und dem schüchternen Jungen Masoa. Takeshi Kitano spielt den Yakuza, einen missmutigen, grobschlächtigen Versager, in den er Züge seines echten Vater eingearbeitet hat. Er wirkt wie ein Relikt vergangener Gangsterthriller, die bislang die Handlung in seinen Filmen forcierten. Auf tragischen Wendepunkte verzichtet er diesmal vollständig. Sein größten Pluspunkt, die momentane Poesie, löst Kitano völlig von einer gängigen Erzählstruktur. Ohne zwingende Tragik verknüpft er bewusst infantile Pointen zum losen Geflecht. Wie ein Kinderbuch wirken die in Kapitel aufgeteilten Impressionen, erneut durch Überblendungen, abstrakte Formen und Kitanos eigene Kunstwerke verziert. Statt einer treibenden Handlung beherrschen einfallsreiche, groteske und grobe Spiele, Streiche und Scherze die Szenerie.

Der Abschied von blutbesudelten Gewalt-Exzessen bedeutet keinen Verzicht auf das Spiel mit der Erwartungshaltung. Auch die langen Einstellungen, aus denen der Poker-Face-Actor immer wieder hinausläuft, sind weiterhin treue Begleiter. Die vorherrschende Dialoglosigkeit zielt noch deutlicher auf Stummfilmkomödianten wie Buster Keaton und Charlie Chaplin ab, deren wortlose Missgeschicke sich hier unbeschwert fortsetzen. Mit einer fröhlichen Tanzeinlage à la "Wizard of Oz" klingt ein gewohnt schräger Film aus, der die permanente Weiterentwicklung der bereits 52-jährigen Japaners zeigt. Unterlegt von dem wiederkehrenden Pianothema seines Hauskomponisten Joe Hisaishi, kann man in den blaustichig-blassen Bildern viel neues zwischen den vertrauten Gesten entdecken. Kitano-Insider sollten auf den Mann an der Bushaltestelle achten, ein Cameo von Beat Kiyoshi, dem jahrelangen Komödien-Partner des Filmemachers.





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