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Kritik: Lust auf Anderes (2000)


Wer gern zwischen den Zeilen liest, hat von dieser französischen Wort-Komödie eine ganze Menge, doch sollte er sie im französischen Original genießen, denn wie immer bei diffizilen Dialogen lässt die deutsche Synchron-Fassung auch hier zu wünschen übrig. Auch die Story selbst richtet sich zweifelsohne mehr an das gehobene Bildungsbürgertum, denn dieses steht im Brennpunkt dieses gesellschaftskritischen Films. Wie bei vielen französischen Regisseuren, von Chabrol bis zu Sautet, so steht auch hier die Rolle und das Selbstverständnis der Bourgeoisie zur Debatte, wobei diese Frage hier in der Rivalität verschiedener Bildungsschichten aufgeworfen wird. Ähnlich wie bei „American Beauty“ oder auch „Magnolia“ prallen hier Kultur und Kulturlosigkeit aufeinander, freilich ohne eine klare Entscheidung zu bieten, worin denn Kultur eigentlich besteht.

Am Beispiel eines raubeinigen und hausbackenen Unternehmers, der wie ein willenloser Dackel seiner versnobten und exzentrischen Englischlehrerin hinterher hechelt, spielt Regisseurin Agnès Jaoui mit den Reizen des Ungewohnten bzw. des Fremden oder Eindringlings. Hintersinnig und mit viel Sprachgefühl vermischt Jaoui die stümperhafte Rockzipfeljagd und das intellektuelle Verwirrspiel der Angebeteten zu einem tragikomischen Spalierlauf, in dessen Verlauf etliche Figuren auf der Strecke bleiben. Ohne es so recht zu wollen, gerät der unbeholfene Verehrer in einen Strudel aus Intrigen und undurchsichtigen Kabalen, wobei er kein Fettnäpfchen auslässt. Jaoui, die selbst in einer Nebenrolle brilliert, vermeidet in all dem Durcheinander eine klare Stellungnahme, sondern beschränkt sich auf die Schilderung der Unverträglichkeit von Biedermann und Avantgarde. Aus gerade diesem Kontrast zieht der Film seine oft als unfreiwillig inszenierte Komik, die ein ums andere Mal in tiefe menschliche Abgründe mündet, ohne diese auszuschlachten. Neben einer ganzen Serie skurriler Situationen bietet der Film auch einen subtilen Seitenhieb auf sektiererisches Gehabe und Standesdünkel. Insofern schlummert in diesem feingesponnenen Werk neben der teilweise brutalen Schilderung sozialer und kultureller Klüfte auch etwas versöhnliches.





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