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Kritik: Gripsholm (2000)


"Schloss Gripsholm" zählt zu den fröhlichen, leichten Werken des Zeitkritikers und Satirikers Kurt Tucholsky. 1932 erschien sein Werk im Schatten der Naziherrschaft, deren totalitäres Regime er als einer der ersten zu spüren bekam. Nun wandelt seine heitere, dennoch von nachdenklichen Untertönen begleitete Novelle zum zweiten mal nach 1963 auf den Leinwänden der Nachkriegszeit. Mehr als ein tausendfach koproduzierter TV-Film, zäh erzählt und blass bebildert, war nicht drin. Sehr bedächtig und melancholisch wandeln die Figuren durch eine mehr von Motiven, als der eigentlichen Erzählung geprägten sommerlichen Reigen, der in einem Subplot aufdringlich Zivilcourage einfordert. Dass der Drehbuchautor Stefan Kolditz seinen Namen zurückzog, bestätigt die Vermutung einiger unsanfter Handlungskorrekturen. Regisseur Xavier Koller profitiert in dem unspektakulären Drama von den virtuosen, intelligenten Dialogen Tucholskys. Zudem hat er mit Jasmin Tabatabai als verruchteste Stimme Berlins und vor allem Heike Makatsch als bezaubernde Muse zwei Trümpfe in der Hand, die das stille Filmchen mit ihrer charmanten Vitalität veredeln. Robert Knapp Man hätte meinen können, Heike Makatsch wäre am Drehbuch beteiligt gewesen ­ wie anders lassen sich die Anfangsszenen erklären, in denen die "Prinzessin" so wundervoll, schlagfertig und einfach bezaubernd wirkt. In jedem Fall eine Rolle, nach der sich so manche Schauspielerin die Finger geleckt hätte. Ulrich Noethen spielt dagegen leider etwas hölzern. Er kann auch anders, aber dieses Mal wird es wohl Interpretationssache gewesen sein. Schlimm ist die miserable Synchronisation von Marcus Thomas, dafür gibt es keine Entschuldigung. Ganz nett dagegen sind die Interpretationen Jasmin Tabatabais von Tucholsky-Chansons, deren Musik die Klezmer-Band Kol Simcha neu komponiert hatte. Wie in einem überlangen Happy End kommt man sich gleich zu Beginn des Films vor. Etwas weniger Frohsinn hätte im allgemeinen ganz gut getan, auf die Dauer wirkt das nur ermüdend. Und doch gibt es die andere Seite: "Gripsholm wirkt bisweilen etwas bemüht tragisch und angestrengt. Da wo keine Tragik ist, wird musikalisch Pompöses aufgefahren und das ist eher verstörend. Und dann muss auch noch ein Kind als Kontrast zum fröhlichen Leben auf Gripsholm herhalten, um das verschreckte und erdrückte Deutschland zu symbolisieren ­ Metaphorik mit dem Vorschlaghammer. Literaturverfilmungen sind nie einfach, und "Gripsholm" sagt es schon auf den Plakaten, damit niemand sich beschweren kann: "Nach Motiven von Kurt Tucholsky" steht da. Soll da noch einer mit erhobenem Zeigefinger kommen... (Tu ich dann auch nicht.) - Die Leichtigkeit der Literaturvorlage auf die Leinwand zu bannen ist nicht so einfach...





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