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Kritik: It´s Showtime (2000)


Der neue Film von Spike Lee, auf der Berlinale dieses Jahr ohne weiteres Aufsehen gelaufen, zeigt den engagierten amerikanischen Regisseur von einer ungewohnt komödiantischen Seite. Aber "It‘s Showtime" oder "Bamboozled", wie das Werk im Original heißt, wäre kein echter Spike Lee Joint, ginge es nicht auch hier letztlich kämpferisch zu. Und in der Tat setzt Lee auch mit seinem neuen Film den Kampf gegen den alltäglichen Rassismus in den USA fort. Diesmal hat er sich die Medien und im Besonderen das Fernsehen vorgenommen.

Aufhänger des bitterbösen bis zynischen Films sind die sogenannten Minstrel-Shows aus der frühen Fernsehgeschichte, die ihre Wurzeln in klischeehafter und stereotyper Unterhaltung aus dem 19. Jahrhundert haben. Die Tradition führt auf amerikanische Bühnen des Wilden Westens zurück, wo sich weiße Schauspieler mit verbranntem Kork die Gesichter schwärzten - eine als "blackface" bekannte Methode, um afroamerikanische Sklaven als faule und dämliche Witzfiguren darzustellen. Diese Vorführungen entwickelten sich zu varietéähnlichen Shows, die aus Musik, Tanz und Gesang bestanden. Um die Jahrhundertwende verschwanden die Minstrel-Shows, wurden später jedoch von den neuen Medien Radio, Film und zuletzt Fernsehen wiederbelebt.

"It‘s Showtime" erzählt nun die Geschichte des schwarzen Drehbuchautors Pierre Delacroix, einem jungen Harwardabsolventen, der als einziger Afroamerikaner bei einem unter sinkenden Zuschauerzahlen leidenden Sender arbeitet. Sein Boss, ein quotengeiler zynischer Kulturbanause, stellt ihm das Ultimatum, eine trendsettende schlagzeilenkräftige neue Show zu kreieren oder gefeuert zu werden. Der politisch aufgeschlossene Autor sieht die Chance, den Rassismus im Fernsehen zu karikieren indem er ihn gänzlich "ungeschminkt" präsentiert und kreiert eine eigene Minstrel-Show, in der Schwarze mit geschwärzten Gesichtern weiße Neger-Klischees der groben Art verkörpern. Aber Delacroix hat sich verrechnet. Die selten dämliche Show kommt allenthalben prächtig an, die politische Brisanz wird geflissentlich übersehen. Die Quoten steigen, der Sender feiert riesen Erfolge mit primitiven Neger-Witzen, die von einem politischen Afroamerikaner geschrieben wurden und von Street Rappern dargestellt werden. Eigentlich ein Alptraum für die, die angetreten sind, den Rassismus bloßzustellen. Aber der Erfolg steigt auch ihnen zu Kopf. Schon bald merken sie nicht mehr, wessen Musik sie da spielen. Erst als einige Ultraradikale sich der Sache annehmen - und zwar mit Waffengewalt - wendet sich das Blatt.

Ob Spike Lee sich und damit seiner Sache mit diesem Film einen Gefallen getan hat, darf bezweifelt werden. Zum einen ist das Ganze viel zu dialoglastig, zum anderen werden die eingestreuten Showeinlage dermaßen in die Länge gezogen, dass sie bei aller Kuriosität eher langweilen. Die so entstandene dramaturgische Schieflage wird dann leider durch eine weitere inhaltliche verstärkt: Anstatt nämlich den anfänglichen und durchaus vergnüglichen Zynismus des Films in immer weitere Höhen zu schrauben, entwickelt Lee im letzten Drittel reichlich Moral und das knüppeldick. Höchst eindrucksvoll allerdings das Finale des viel zu langen Films, bei dem unglaubliche Beispiele von rassistischen Entgleisungen und Ausfällen im Showgeschäft vorgeführt werden.

Thomas


Ob der Zeitgeist an Spike Lee vorbeigerauscht ist? Eine Frage, die sich angesichts seines neuen Films aufdrängt, ein vor Moral übersäuertes Lehrstück über den Ausverkauf des schwarzen Mannes und seiner Kultur. Fest steht: bei dem streitbaren Urheber des New Black Cinema ticken die Uhren anders. Der Mann lebt zweifellos in seiner ziemlich einseitigen Welt, die nur mit der Unterscheidung zwischen schwarz und weiß, gut und böse operiert. Und dabei selbst üble rassistische Züge offenbart.

Spike Lee mag sich wiederholen, seine "Joints" sind seit mehr als zehn Jahren interessant. In dieser überladenen Komplettkritik an den Medien hält er verbissen und engstirnig an seinem Konzept fest, jedes unscheinbare Indiz als Werk des Teufels zu brandmarken. Mit solchen paranoiden Entlarvungsversuchen reiht sich Lee in typische Verschwörungstheorien ein, die durch ihre Radikalität jede Glaubwürdigkeit verspielen.

Schwarze sind Marionetten einer von weißen gelenkten (Unterhaltungs)Industrie. Darauf aufbauend beginnt eine Komödie, die sich zur Satire ausweitet, immer weitere und pathetischere Kreise zieht, bis man schließlich einem harschen, sozialkritischen Drama beiwohnt, an dessen völlig überflüssigen Ende ein gewalttätiges Drama steht.

Gefilmt mit Authentizität heuchelnder, digitaler Handkamera, erweist sich Lee eher in technischer Hinsicht als gereift: furios sampelt er aus Film, TV und Dokus Bilder und integriert selbst seine eigenen (!) Werke: Da steht dann Denzel Washington in "Malcolm X" und predigt vom über den Tisch gezogenen Schwarzen - auf englisch bamboozled, so der Originaltitel. Sein aktiver Stil kommt dem Film zu Gute - die anregenden Assoziationen, die unsortierte Informationsflut reißt nicht ab.

In seinem Engagement bekämpft Lee Feuer mit Feuer und wirkt dabei wie ein Ewiggestriger, denn allzu brisant oder gar neu ist seine Generalabrechnung nicht ausgefallen. So bleibt der flaue Nachgeschmack eines überreizten Themas, das immerhin einige, auch schauspielerisch attraktive Abschnitte aufweist.





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