VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Nachttanke (1999)


Big brother geht tanken – Doku geht baden

Das Leben ist eine Tankstelle – irgendwie wirkt dieses Motto angestaubt. Die Tankstelle als Hort brabbelnder Trunkenbolde, als Anlaufstelle kruder Nachtschwärmer auf vier Rädern oder solcher, die eher psychisch ein Rad abhaben. Ebenjenes Sujet machte sich der Ludwigsburger Filmhochschüler Samir Nasr in seiner Abschlussarbeit "Nachttanke" zueigen. Entstanden ist aus Nasrs 21 Tage langer Rund-um-die-Uhr-Observierung einer Ludwigshafener BP-Tankstelle eine 88-minütige Dokumentation, der es des öfteren am roten Faden mangelt. Was Nasr bei seinen Dreharbeiten 1998 noch nicht wissen konnte: Bereits vier Monate vor dem Bundesstart der "Nachttanke" setzte der Isländer Olafur Sveinsson eine hohe Messlatte. Seine Tanken-Doku "Nonstop" bestach durch ein raffiniertes dramaturgisches Konzept: Der Talk am Tank-Tresen, die nächtlichen Taxi-Fahrten sowie die geschickt eingestreuten Musiken erzeugten einen interessanten Rhythmus. Filmische Tugenden, die der Debütant Nasr leider Gottes vermissen lässt. Sein Wechselbad aus Reportage, Klamaukfeature und Dokumentation verwässert eine klare Genre-Zuordnung. Mit seiner Absicht, die Statements seiner durchaus interessanten Gesprächspartner mit melodramatischen Akkorden in sozialkritisches Fahrwasser zu bringen, scheitert Nasr letztendlich und beschwört stattdessen eine beklemmend dilettantische Atmosphäre herauf. Beim Grundkonzept Nasrs, das bunte Treiben an den Zapfsäulen mit dem parallel stattfindenden WM-Geschehen zu verquicken, bleibt der erhoffte dramaturgische Effekt weitgehend aus: Immerhin halten die über Radio, BILD-Artikel oder Meinungen der BP-Passanten kommentierten Spiele der deutschen Nationalmannschaft den Zuschauer bei der Stange und fussballtechnisch auf dem Laufenden. Von einer regelrechten Einteilung der Doku in WM-Kapitel, wie sie Nasr anstrebte, kann aber nicht unbedingt die Rede sein. Alleine die "Stars" des Films, eben die Tankenbesucher, liefern Stoff genug für gute Dokumentarfilmer. Da ist die grobschlächtige Lady im Regenmantel von nebenan, die ihre ausufernden Spirituosenkäufe als Nachbarshilfsdienst tarnt, da sind die drei deutsch-türkischen Rapper, die von Drogenvergangenheiten und hipper Zukunftsmusik plaudern, oder auch der stets angeschlagene Taxifahrer, der angesichts seiner Auswanderungspläne die Zähne zusammen beißt. Was stört, ist Nasrs Stimme aus dem Off: Seine etwas hölzernen Fragen ermüden genauso wie sie manipulieren. Ungeschminkte Realität – Fehlanzeige. Keine Doku, sondern "Big Brother an der Tanke".





Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.