VG-Wort
Die Domain Spielfilm.de verwendet Cookies für funktionale und analytische Zwecke. Durch die Nutzung unserer Seite erklärst Du Dich damit einverstanden. Weitere Cookie-Informationen findest Du hier.

Ok, einverstanden!

oder

Kritik: Pearl Harbor (2001)


"Pearl Harbor" ist die teuerste und purste Form von kommerziellem Entertainment aus der aufs Geldverdienen abonnierten Traumfabrik. Von Anfang an als eine der kostspieligsten Filmproduktionen aller Zeiten medial vermarktet, geht es allein um schiere Größe, Wucht – und Überlegenheit an den Kinokassen. Dabei waren die hohen Produktionskosten von 140 Millionen Dollar eigentlich ein Schnäppchen. Ursprünglich waren nämlich 180 Millionen Dollar im Gespräch, die Disney-Boss Michael Eisner allerdings nicht investieren wollte. Um das Budget zu drücken, haben die Hauptdarsteller sowie Regisseur Michael Bay und Produzent Jerry Bruckheimer auf ihr sonst übliches Vorabgehalt verzichtet. Dafür sind sie nun am Profit beteiligt. Doch bis es soweit ist, muss der monumentale Film mindestens 300 Millionen Dollar an den Kinokassen machen. Ob und wann das zu schaffen ist, ist derzeit noch ungewiss. Die Story ist im Nu umrissen: Zwei junge US-Kampfpiloten (Ben Affleck und Teenager-Star Josh Hartnett) verlieben sich in eine hübsche Krankenschwester (Kate Beckinsale). Die Love-Story des Trios driftet umgehend in eine Kino-Seifenoper ab - da greifen die Japaner an. Natürlich ist das gnadenlose Bombardement der eigentliche Star des Films: Etwa 40 Minuten dauert der bombastische Zerstörungsreigen, der Digitaleffekte (Marke "Industrial Light & Magic") und reale Action nahtlos miteinander integriert. Bay imitiert dabei gekonnt die Besten seiner Zunft: Die Untergangssequenzen der US-Kriegsschiffe sind eine Hommage an Camerons "Titanic", während der mörderische Kugelhagel der Angreifer von Steven Spielbergs "Der Soldat James Ryan" übernommen wurde. Die Luftangriffe hat der Regisseur bei "Star Wars" abgeschaut, die Love-Story soll hingegen klassisch, wie in "Casablanca", wirken. Spätestens hier jedoch versagt das Imitat: Die stereotypen Charaktere und die platten Dialoge wirken abgegriffen, das Drehbuch reicht nicht annähernd an das Niveau der Filmtechnik heran. Doch darum geht es nicht in diesem überlangen, übergroßen Streifen. Denn Jerry Bruckheimer und Michael Bay sind letzten Endes Werbefilmer: Sie bringen keine Story an den Mann, sondern Ideen und Gefühle. "Pearl Harbor" ist eine dreistündige Collage von Werbewelten im 30-Sekunden-Takt. Und die muss man gesehen haben. Dagegen ist die "Cannes-Rolle" ein Klacks. "Popcorn-Kino für Gourmets" nennt Michael Bay sein Werk und trifft damit den Nagel auf den Kopf. "Pearl Harbor" ist perfekt ins Bild gesetztes Hochglanzkino zum sofortigen Konsum: instant gratification - ex und hopp. Ein Film, der sich schon wegen seiner kommerziellen Seele gar nicht erst darum bemüht, Tatsachen, Hintergründe und Zusammenhänge differenziert aufzuzeigen - oder gar mehrdimensionale Filmfiguren zu kreieren, die den realen Vorbildern entsprechen. Stattdessen gibt es aufpolierte Bilder, schöne Menschen, Liebe, Schmalz und selbstverständlich jede Menge Action, Knaller, Sensationen. Eine Kombination, die möglichst viele Menschen jeder Altersgruppe, Schicht sowie ethnischer Herkunft in die Kinos locken soll. Niemand soll ausgeschlossen werden. So werden die Japaner in dem Film zwar stereotyp, jedoch nicht annähernd so unsympathisch wie in früheren Propaganda-Produktionen dargestellt. Denn Asien ist ein großer Kinomarkt. Aufs Eintrittsgeld der "dirty Japs", wie sie in der US-Fassung des Films mitunter heißen, ist Hollywood längst angewiesen. Besonders anstößige Dialoge wurden deshalb speziell für die japanische sowie die deutsche Fassung von "Pearl Harbor" politisch korrekt umgemodelt - aus Feigheit vor der Kaufkraft des früheren Feindes. Merke: In Japan gibt es keine "dirty Japs". Solche Details brauchen das deutsche Kinopublikum natürlich nicht zu kümmern. "Pearl Harbor" dreht sich nicht um Politik, sondern um Schauwerte im XXL-Format. Bei Bruckheimer und Bay ist alles größer, lauter und vor allem viel, viel schöner als im wahren Leben. Ihr visueller Fetischismus führt dazu, dass auch das fürchterlichste Bombardement wunderschön anzusehen ist: Poesie der Zerstörung in Cinemascope und Digital-Surround. Dass Krieg die Hölle ist, weiß selbstverständlich auch ein Michael Bay, und er versucht das Sterben auf der Leinwand schon realitätsnah darzustellen - allerdings nur bis an den Punkt, an dem noch Kinder in Begleitung ihrer Eltern mit ins Kino dürfen. Denn Popcorn ist für alle da. Nicht nur für die Gourmets.




Spielfilm.de-Mitglied werden oder einloggen.